Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/294

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Stellung im Mittelmeer mit der Würde einer Großmacht eingetreten, und es wird die Theilung der Aufgabe, die von der Natur selbst begründet ist, in den materiellen und politischen Beziehungen zum Osten so geschehen, daß Frankreich in allen maritimen, Oesterreich in allen territorialen Angelegenheiten das Hauptgewicht besitzen wird. Unter dem Schutze dieses großen organisatorischen Princips, mögen dann die Einzelnen streben, sich ihren Antheil an der neuen Welt jenseits des Archipels zu eröffnen. Dies ist der Westen Europas; er bietet ein reiches und lebensvolles Bild.

In ganz anderer Weise gestaltet sich das, was über den östlichen Pol der europäischen Konfiguration, das weite und wenig gekannte Rußland, zu sagen ist. Wenn man von den Abhängen der Karpathen im Süden und von den Ausläufern des skandinavischen Bergrückens im Norden nach Osten blickt, so dehnt sich eine ungeheuere Ebene vor uns aus, die von dem Ural, dem kaspischen Meere und endlich den kaukasischen Gebirgen leicht umgrenzt wird. Diese Ebene ist das jüngste Land in der geologischen, das jüngste Reich in der geschichtlichen Bildung Europa’s. Während sich die ewigen Gebirge von Mittel- und Westeuropa aus dem Schoße des Meeres erhoben, lagen die flachen Ebenen jenes Gebietes noch auf dem Meeresgrunde, wie später dort, als Europa schon viele Jahrhunderte einer reichen und wechselvollen Geschichte durchlebt hatte, noch bis auf die neueste Zeitrechnung die wilden Völker Mittelasiens die Bewohner in Barbarei erhielten. Das Land ist so groß, daß es alle Zonen Europa’s in sich vereinigt; aber es ist so flach, daß es sie nicht getrennt zu erhalten vermag. Der Sturm braust unaufgehalten durch das ganze Land und der Norden herrscht dort über den Süden, in den Regionen der Lüfte wie in den menschlichen Dingen. Es ist ein Land der Verschmelzung aller Stämme, die es bewohnen, aber es hat wenig Reiz, um neue Bewohner an sich zu ziehen. Diese seine Natur spiegelt sich in seinen Beziehungen zum Gesammtleben Europa’s wider. Seiner Berührungspunkte mit der Mitte und dem Westen sind nur wenige; bloß im Norden und Süden, wo die Interessen Westeuropas mit denen des Ostens zusammenstoßen, treten sie häufiger und deutlicher hervor; seine Mission ist es, als Mittelglied zwischen Europa und dem inneren Asien, letzteres der großen historischen Bewegung zu unterwerfen, die wir die Gesittung nennen; und in der That drängt es Rußland, in seine Ursitze zurückzukehren. Dort ist das Gebiet seiner Zukunft. Schon gehört Sibirien durch Rußland der europäischen Geschichte, der Norden des kaspischen Meeres, das Gebiet des Aralsees, Chiwa, die Mongolei bieten Rußland die Hälfte der alten Welt; dort ist seine naturgemäße Aufgabe; und wenn auch seine Wünsche weiter reichen, so doch weder seine Macht, noch sein historischer Beruf. Der Süden des großen russischen Körpers ist die Grenze der eigentlichen russischen Herrschaft. Das Meer des Pontus-Euxinus und der hohe Bergrücken des Kaukasus haben dafür gesorgt, daß die Gebiete, welche im Süden dieser Linien liegen, allen Mächten Europa’s ebenso zugänglich sind, als Rußland. Das konnte man mißverstehen, so lange es darauf ankam, den Trotz der Türkei zu brechen. Jetzt ist