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Aus dieser Dreitheilung in West-, Ost- und Mitteleuropa ergeben sich zwei große Konsequenzen. Hält man nämlich dieses Mitteleuropa zusammen mit den beiden Gruppen des Ostens und des Westens, so erkennt man sogleich, daß jedes Streben der letzteren nach vorwiegender Herrschaft in ganz Europa nur dadurch erfüllt werden kann, daß sie sich irgend eines Theils dieses mitteleuropäischen Körpers bemächtigen. So lange es daher ein Staatenleben in Europa gibt, so alt sind die Kämpfe, welche vom Osten wie vom Westen geführt worden sind, um innerhalb der beiden südnördlichen, Mitteleuropa begrenzenden Linien, von denen die eine die Nordsee in der Mitte durchschneidet und von den Abhängen der Ardennen bis zu denen der Alpen hinuntergeht, die andere von der Ostküste der Ostsee bis zur Ostküste des schwarzen Meeres sich erstreckt, einen festen und möglichst großen Besitz zu erlangen. Diese Bestrebungen bilden einen wesentlichen Theil der Geschichte Europa’s, und der Charakter derselben liegt im Großen und Ganzen deutlich vor. Wenn die Thatsachen vergangener Zeiten uns nicht darüber belehrten, so würde der erste Blick auf die Karte von Europa uns zeigen, daß das Gelingen der einen oder der andern Tendenz die Herrschaft des Westens oder des Ostens über ganz Europa zur Folge haben müsse.

Betrachtet man aber zweitens jene Dreitheilung Europa’s von dem höheren Standpunkt der Humanität und der Gesittung und von dem nicht minder wichtigen der materiellen Interessen, so ist es keinem Zweifel unterworfen, daß der Osten dem Westen wie der Mitte gegenüber unendlich an Bildung und geistiger Kraft nachsteht, während andererseits der Westen in seinen Landesgrenzen beschränkt und bis zur Ueberfülle von Kräften gesättigt, einen Abfluß in die weiten Gebiete des Ostens suchen muß und sucht. Die innere Nothwendigkeit dieser Dinge ist so gewaltig, daß sie sich auf jedem Punkte, selbst ohne unser Zuthun, vollzieht, je weiter wir in der Gesammtentwickelung gelangen. Soll aber das harmonische Zusammenwirken aller Theile von Europa, nämlich der Friede und die Ordnung Europa’s, hergestellt werden, so muß Mitteleuropa zuerst den eigenen Norden und Süden in seiner Integrität gegenüber dem Westen und Osten erhalten. Und soll Europa seine große wichtige Mission dem Osten gegenüber wirklich vollziehen, so muß Mitteleuropa für diese Aufgabe, die sich von den materiellen Interessen so wenig trennen läßt, als der Geist vom Körper, der Träger und Vertreter Gesammteuropa’s werden. Diese Winke für die Zukunft gibt uns ein Blick in die Vergangenheit.

Das fünfzehnte Jahrhundert ist für die Geschichte des Südens von Mitteleuropa eine entscheidende Epoche. Bis dahin war der große Handelsweg Europa’s nach dem Süden, über die Alpen, durch das Mittelmeer nach dem Orient gegangen. Genua herrschte im schwarzen Meere, Venedig im äußersten Osten des Mittelmeeres. In die Hände italienischer Kaufleute waren die Trümmer des alten griechischen Kaiserreichs gefallen. Wie die deutsche Hansa im Norden, so hatte das italienische Städteleben im Süden die große Funktion des deutschen Kaiserthums übernommen, die Grenzen des mitteleuropäischen Ostens an die Interessen und die Macht Mitteleuropa’s zu binden.