Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/298

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

den Thoren Wiens. Damals war Wien nicht bloß die Hauptstadt von Oesterreich, sondern der Schlüssel zu den Thoren Europa’s. Deutschland regte sich nicht. Da machte Oesterreich seine schwerste Zeit durch. Aber seinen und Deutschlands Kaiser an der Spitze, siegte es. Die Türken flohen; Ungarn ward wieder gewonnen. Der erste Schritt zur Stellung Oesterreichs im Osten war definitiv geschehen. – Die zweite Phase folgt mit dem 18. Jahrhundert. Der Charakter dieser Zeit ist ein ganz anderer, als der der vorigen. Die Eroberungslust der Türkei ist gebrochen. Sie selbst wird, ob auch widerstrebend, allmählich in das Gesammtleben Europa’s hineingezogen, wird zu einem Gliede des europäischen Staatensystems, empfängt einen bestimmten Wirkungskreis. Schweden tritt mit ihr in Verkehr; die Franzosen gewinnen ein kirchliches Protektorat; England knüpft Handelsverbindungen an. Nur Deutschland thut nichts. Oesterreich allein muß das Interesse der deutschen Gesittung und der deutschen Zukunft vertreten. Es muß mit den Waffen in der Hand den Stoß des wilden Volkes abhalten. Das war Arbeit genug. In den drei großen Kriegen des vorigen Jahrhunderts hatte es zunächst die Grenzen zu wahren; dadurch ward seine Stellung eine wesentlich negative. Es siegte, aber es gewann nichts. Die Verhältnisse blieben formlos; es ist umsonst, sie unter einen Generalnenner bringen zu wollen. Die Gestalt der Dinge mußte sich erst dann bilden, nachdem es entschieden war, ob die Türkei die Fähigkeit besaß, in dem Gesammtleben Europa’s eine Stellung einzunehmen, oder nicht. Als eine solche das vorige Jahrhundert abschloß, war es keinem weitersehenden Staatsmann mehr unklar, daß die Türkei ihre Lebensfähigkeit verloren habe. Nun aber liegt die Türkei innerhalb der großen östlichen Linie, welche Mitteleuropa von Osteuropa trennt. Sie entspricht dem schwedischen Lande des Nordens, wie das schwarze Meer der Ostsee entspricht, der finnische Meerbusen dem azow’schen Meere. Sie beherrscht mit dem Sunde des Bosporus den Eingang in’s schwarze Meer, steht an den Grenzen der Donau, welche Rhein und Elbe des Ostens zugleich ist, kurz, sie ist ohne allen Zweifel das Hauptland des Südens von Mitteleuropa, ihr Schicksal ist entscheidend für den Süden Europa’s und damit für Europa überhaupt. Mit der Gewißheit des Uebergangs der Türkei in einen neuen Zustand mußte daher eine Bewegung beginnen, welche über kurz oder lang ganz Europa umfaßte. Einem untergehenden Staate gegenüber gibt es aber zwei Wege, vermöge deren die weitere Zukunft bestimmt werden kann. Der erste und gewöhnlich nächstliegende Weg ist der der Waffen, der zweite, schwierigere, aber weiter führende ist der der Civilisation. Die Geschichte Europa’s hatte in derselben Zeit, wo sie die Auflösung des alten Osmanenthums vorbereitete, zugleich jene beiden Elemente vorbereitet, welche die Türkei sich zu unterwerfen bereit waren. Die Träger dieser Elemente waren Rußland und Oesterreich. Die Geschichte der Türkei in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts gehört Rußland und den Waffen; die zweite wird Oesterreich und der Gesittung angehören.

Die Geschichte Rußlands seit den letzten hundert Jahren zerfällt in drei große, durch glänzende Namen