Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/48
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
auf den Dächern, auf den Balkons und Gallerien war Kopf an Kopf in den schönsten Gewändern; einige Springbrunnen waren mit blutrothem Weine gefüllt. Am Abend schien die Stadt zu einem Feuermeere umgewandelt zu seyn, die Berge in der Runde waren flammende Vulkane geworden, auf allen Dächern loderten Fackeln; gleich blitzenden Perlenschnüren zogen schimmernde Lampenreihen überall durch die Straßen, auf allen Plätzen brannten bengalische Feuer, und nun dazwischen die leichtfüßigen Töchter von Tiflis in luftigen Gewändern, die stattlichen Männer des Gebirges in silbernen Waffengeschmeiden, die Stämme von Kolchis, vom Ararat, Kosaken, Tartaren und Reiterschaaren, das Wirbeln der Trommeln und Hörnerklang – es konnte im Mährchen nicht schöner seyn! Aber mit dem Erlöschen dieser Flammen ging manche letzte Hoffnung auch hinüber.
Ich, der ich fern stand von solchen Hoffnungen, verlebte meine Zeit im stillen Kreise lieber Freunde, indem wir uns am Wein und an der Liebe Lied ergötzten. Manche Stunde verging uns bei’m ehrlichen Salzmann, dem allbekannten deutschen Sandwirthe von Tiflis, wo Billard gespielt und gelärmt wird von russischen Offizieren, während für deutsche Landsleute ein abgesondertes ruhiges Stübchen bereit ist. Doch ohne den theuren Champagner geht es auch dort nicht ab, nachdem der billige blutrothe Kachetiner vorangegangen ist. Wenn aber dann der sonnenhelle Mond Georgiens zur Ruhe leuchtete, und in den menschenleeren Straßen nur noch der trunkene Kosak gefunden ward, oder nur hie und da noch eine tief in die blendend weiße Tschadra (weißes Obergewand) verhüllte Georgierin an uns vorüberschwebte, oder die Töne der Balalaika (dreisaitige Guitarre) zur Schönen auf dem Dache sprachen, dann ward in anderer Art die Stadt für mich zur Feenstadt, zumal wenn dann mein morgenländischer Freund, der reichbegabte Mirza Schaffy, des Herzens innerste Gedanken sogleich in schöne Dichterblumen umzuprägen wußte.
Die „gute Gesellschaft“ von Tiflis besteht vorwiegend aus den vornehmeren Militärs und der höheren russischen Beamtenwelt, worunter eine Menge deutscher und einzelne französische und spanische Namen sich befanden; dazu kamen zahllose Prinzen und Prinzessinen aus dem alten georgischen Königshause und einzelne begüterte armenische und georgische Fürsten, deren Kleidung und Lebensweise schon mehr oder weniger einen europäischen Anstrich trug. Bei außergewöhnlichen Festlichkeiten sah man die Fürsten der Kirgisen, Truchmenen, Kabarder, Abchasen, Gurier, Tuschen, Mingrelier, Imerether und anderer Stämme, in den prachtvollsten asiatischen Gewändern und kostbaren Waffengeschmeiden; doch in den engeren Kreisen der Gesellschaft war die französische Sprache nebst schwarzem Frack oder gewöhnlicher Uniform das herrschende Element. Die große Masse der georgischen, armenischen, tartarischen und persischen Bevölkerung der Stadt war für diese Kreise gewissermaßen gar nicht da, indem man es für erniedrigend achtete, sich dem Hause einer nicht salonfähigen Familie irgendwie näher zu stellen. Die Asiaten selbst aber haben durchaus kein geselliges Leben im europäischen Sinne des Wortes, indem die Frauen für gewöhnlich ausgeschieden
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 40. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/48&oldid=- (Version vom 10.11.2025)