Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/72

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Einfluß auf die Sitte der Männer zu üben. Der sauren Arbeit und Sorge entzogen, im Genuß unbeschränkter häuslicher Freiheit, gewinnen sie das sichere Selbstgefühl im ungezwungenen Verkehr mit der Welt, das lebhafte Interesse an allen Dingen zu Meer und zu Land, die heitere Anschauung vom Leben; aber auch den Seelenstolz, die glühende Begeisterung für Ehre und Freiheit ihres Landes, das rechte Verständniß seiner politischen Institutionen und Bedürfnisse, was Alles den Frauen daheim so sehr gebricht. Jene erziehen tüchtige Republikaner, diese höchstens gemüths- und kenntnißreiche Menschen voller Schmiegsamkeit und Gehorsam.

Der Gesang war zu Ende. Man verlangte nach einem Sänger; an mir aber sollte die Zauberkraft der Sirenchen zu Schanden werden. Unter jeder deutschen Kehle stellt sich das Yankeevolk eine gestimmte Flöte vor. Ich schlich weg nach dem Vorderdeck und sah hinab in’s Boot. Das war die Kehrseite der Scene, die ich eben verlassen hatte; es paßte wie Belle-Etage zur Kellerwohnung. Zwischen Fässern, Ballen und Gütern aller Art, die dort zusammengestaut lagen, baumelte eine Schiffslaterne vom Gebälk herab. Ein schwarzer Sohn der Wüste kratzte auf einer Geige lustige Dudelsacksweisen, der Bootsmann pustete auf einer invaliden Klarinette dazwischen und ein Dutzend rußige und wettergepeitschte Figuren, Heizer, Matrosen und anderes Schiffsvolk stampften eine Quadrille dazu, daß das Deck erdröhnte. Bald war mir des Lärmens doch zu viel; ich flüchtete nach der großen Kajüte. Auch kein Gotteshaus! Mehre Tische waren mit Spielern besetzt, wüste Gesellen, die nach Herzenslust fluchten und denen von Grog, Aerger und Habsucht die Köpfe glühten; an der anderen Ecke des Saales aber war ein geweihter Purifikator dieser gotteslästerlichen Atmosphäre angebracht in Gestalt eines bekutteten und tonsurirten Jüngers der römischen Kirche, der in sich gekehrt dasaß, die Lippen lautlos auf und nieder bewegte und eine Seite nach der anderen seines Breviers verschmauste. Die übrige Gesellschaft lag zu Bette. Ich hätte gern noch ein Stündchen der Unterhaltung gepflogen, aber die Wahl zwischen den Dienern des Beelzebub und der Kirche fiel mir zu schwer und ich suchte meine Koje. Unter dem fibrirenden Geräusch der Maschinen und fern her schallendem Gelächter, den verlorenen Tritten auf dem Deck und abgebrochenen Gesangestönen schlief ich ein.

Als ich erwachte, lag das Boot still, um die Tageshelle zu erwarten; wir waren in der Nähe der Stromschnellen. Dichter Nebel lagerte auf dem Fluß; man konnte nicht von einem Ende des Dampfers zum anderen sehen. Nach und nach lüftete die heraufkommende Sonne die dichten Schleier von der Landschaft und rollte sie zu langen Bändern zusammen, die sich um die Uferhöhen und Seitenthäler schlangen. Wie Gespenster tauchten die lieblichen Inseln und Baumgruppen aus der grauen Fluth und kleideten sich allmählig in ihre Farben; die Wasserfläche schmückte sich mit ihrer dunklen Politur und spiegelte immer klarer und sonniger ihre bewaldeten Gelände wieder; – mit dem Entfliehen der letzten Nebelstreifen lachte die reizende Natur in ihrer ganzen bräutlichen Schöne. Ich habe nie ein