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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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bald Gastfreundschaft, bald Wegelagerei, bald die verfallene Kultur, bald die wilde Ursprünglichkeit, bald die neue Civilisation – geben den Eindruck eines Landes, das gestempelt ist mit den mannichfaltigsten Veränderungen und Schicksalen.
Die auffallendsten Erscheinungen sind die zahlreichen, über das Thal des Rio Colorado und seiner Zuflüsse zerstreuten altmexikanischen Städte-Ruinen. Wir betrachten eine solche in dem Bilde, welches nach einer von unserem Zeichner an Ort und Stelle gemachten Aufnahme gestochen wurde. Die Bauart dieser „Pueblos“ ist der Hauptsache nach überall dieselbe. Sie deutet auf ein kommunistisches Zusammenleben der Bewohner hin, nach Art unserer Klöster, Kasernen oder Phalansteren. Jeder Pueblo bildet nämlich ein großes im Viereck errichtetes, drei- oder vierstöckiges Gebäude von der sorgfältigsten und solidesten Mauerung. Das unterste Stock besteht aus kleinen zellenartigen Räumen, mit einem Fenster nach dem Hofe. Wahrscheinlich diente es zu Wohnungen der armen und niedrigsten Klasse. Das zweite und dritte Stock enthält geräumigere, höhere und hellere Gemächer mit freien Altanen; da haben vermuthlich Adel und Geistlichkeit gehaust. Ein rundes thurmähnliches Gebäude endlich im Hofraum mag als Versammlungsort für öffentliche Zwecke, als Tempel, vielleicht auch im Kriege zur Vertheidigung gedient haben. Von Treppen findet man keine Spur. Man erstieg, und thut dies noch, die Etagen auf Leitern durch die in den Decken angebrachten Luken. An den Ecken gehen hie und da Rauchfänge in die Höfe. Von außen haben diese Gebäude ganz das Aussehen von Befestigungen, und ohne Zweifel konnten die oberen Stocke zu Reduits für die Vertheidiger dienen, wenn das untere erstürmt worden war.
Die wenigen aufgefundenen Ueberreste von Gefäßen, Mosaiken und Bildwerken zeugen von einer nicht gemeinen Kunstfertigkeit der damaligen Werkleute. Nachgrabungen werden gewiß noch manchen interessanten Fund und wichtigen Aufschluß zu Tage fördern. Aus der überraschenden Aehnlichkeit dieser Bauten mit denen in Central-Amerika und Alt-Mexiko und aus der Tradition einer Einwanderung jenes Kulturvolkes aus dem Norden, hat sich die Ansicht gebildet, daß Neu-Mexiko eine Zeit lang Station jener Völkerwanderung gewesen und später wieder verlassen worden sey, als man inne wurde, daß der Süden gesündere und fruchtbarere Wohnsitze, eine leicht zu unterjochende Bevölkerung und reiche Beute bot. Die Sage erzählt, das seyen die alten Azteken gewesen, die später ihre Eroberungszüge bis nach dem Isthmus ausdehnten. So ist die Indianer-Tradition im Lande. Ein geschichtlicher Grund für deren Glaubwürdigkeit hat sich noch nicht auffinden lassen.
Gegenwärtig dienen die Pueblos den christlichen halbgezähmten Indianerstämmen zur Wohnstätte, die in einen staatlichen Verband mit den Herren des Landes getreten sind und von ihnen zu einem festen geordneten Ansiedlerleben angehalten werden. Hinter den hohen Mauern finden sie Schutz gegen die Raub- und Mordanfälle der kriegerischen Stämme der Apachen und Comanchen, dieser Erbfeinde der Civilisation.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/85&oldid=- (Version vom 12.11.2025)