Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/100
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
„Unser täglich Brod gib uns heute!“ ist eine Bitte aller Religionen, aller Sprachen und jeder Kreatur. Der Vogel im Gezweige zwitschert sie, das Huhn im Hofe gackert sie, das Rind am Wagen und im Stalle macht sie zu einem dröhnenden Klageruf, der wedelnde Hund spricht sie mit den Augen und leckt sie mit der Zunge, das Pferd wiehert und stampft sie, dem sorgenden Menschen wird sie oft zum schweren Seufzer und das fromme Kind betet sie der Mutter nach im Vaterunser des Morgen- und Abendsegens. So gewichtig ist das kleine Wörtchen „Brod“, daß es längst viel mehr bedeutet, als das Gebäcke zur allgemeinsten Nahrung. Es hat Einer „sein gutes Brod“ nur, wenn er sein gutes „Auskommen“ hat. Um das Wort „Bettelbrod“ flattern die Lumpen des Elends, „Brod und Spiele!“ war der Ruf des Römervolks in seiner tiefsten Versunkenheit, und den Deutschen verfolgt das schlimme Sprüchwort: „Weß Brod ich ess’, deß Lied ich sing.“ Tausende haben ein „hartes Brod“ bis an das Grab, und für Tausende ist der „Brodkorb“ so hoch gehängt, daß sie nie im ganzen Leben eines „guten Bissens“ froh werden. Gerade diese sind es, die am brünstigsten bitten jeden Tag: „Unser täglich Brod gib uns heute!“
Unsere Zeit hat viele wunde Stellen des Volkslebens aufgedeckt, und Staatsärzte aller Art kurirten und quacksalberten daran herum. Die empfindlichste Wunde nennen sie Proletariat. Die Wunde ward geschlagen durch Uebervölkerung und Mangel an Arbeit und frißt immer mehr um sich durch die steigende Vertheuerung der Lebensmittel.
Das Proletariat mehrt sich in schreckhaftem Maße aus dem versinkenden Stande der zünftigen Handwerker. Nicht die zeitweise Nahrungslosigkeit Unverheiratheter, ob sie nach Arbeiten der Hände oder des Kopfes suchen, sondern die Verarmung der Familien, die früher im engen, ängstlich geschützten Kreis ihrer bürgerlichen Gewerbe ein bescheidenes, aber auskömmliches Brod hatten, diese wird in den Städten, und zwar in großen und mittlern Städten mehr, als in kleinen größtentheils dorfartig auf landwirthschaftliche Erwerbsquellen angewiesenen, zu einer von Tag zu Tag schwerer drückenden Last. Da geht es steil bergab: erst Steuerreste, dann Erlaß der Steuerreste, Unmöglichkeit des Steuernzahlens, Verkauf des Eigenthums, – Almosen! Die Zahl der Almosengeber
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 91. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/100&oldid=- (Version vom 9.12.2025)