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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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mindert sich, die der Almosenempfänger mehrt sich. Und um so rascher versinkt eine Zunft, je mehr sie der Konkurrenz der Fabrikthätigkeit ausgesetzt ist. Die Fabriken und die sie mehr und mehr vervollkommnenden Erfindungen und Entdeckungen im Bereiche der Natur greifen nach Zahl und Umfang täglich mächtiger um sich, während der arme Handwerker, die Fesseln des Zunftzwangs an Händen und Füßen, sich kaum noch rühren kann zwischen der Sorge um Verdienst, der ihm noch immer nach altem Styl berechnet wird, und der Angst um die nothdürftigsten Lebensmittel, die er sämmtlich mit den doppelten, oft dreifachen Preisen neuesten Styls bezahlen soll. Ein goldener Boden droht verloren zu gehen.
Der Verfall der Zunft begann mit dem Wurmfraß in ihrem Innern. Dieser äußerte sein Daseyn schon im 17. und noch hervortretender im 18. Jahrhundert dadurch, daß dieses damals auf seinem Höhepunkte stehende Institut seine Macht zur Monopolisirung des lokalen Markts mißbrauchte. Stadt gegen Stadt, Gewerbe gegen Gewerbe schloß sich ab, aller Schwung des allgemeinen gewerblichen Fortschritts erlahmte. Das ist die Zeit der wirthschaftlichen Stagnationsperiode, welche der Verfasser von „Abbruch und Neubau der Zunft“ vortrefflich schildert. Der ganze Bildungstrieb, sagt er unter Anderem, vergailt unter dem Druck des beschränkten Marktes. Bald geht das Trachten dahin, die Vortheile der Zunftexklusivität unter allerlei Formen für die bevorrechteten Meisterfamilien erblich zu machen, ja sogar sie auf Wohnungen zu radiciren. Real- und Banngewerbrechte, Marktzwang, Ehezwang zu Gunsten von Meisterstöchtern und Meisterswittwen, Fixirung und Beschränkung der Zahl der Lehrlinge und Gesellen, Brutalitäten gegen wirkliche und vermeintliche Pfuscher, das Jagen der sogenannten Bönhasen, Ueberbürdung des Jungmeisters durch übertriebene kostspielige Meisterstücke, durch allerlei Auflagen und Dienstleistungen, Zwangspreise u. s. w. – dieser Inhalt wurde jetzt als Inbegriff der Zunft betrachtet. In diesem Sumpf mußte jeder Fortschritt stecken bleiben... Man könnte Bücher über das unglaubliche Unwesen schreiben. Der bayerische geheime Kanzler und Konferenzminister A. W. Freiherr v. Kreittmayer († 1790) behauptet: „Vor dem Reichsschluß von 1731 (wegen Abstellung der Handwerksmißbräuche) war der Hund nicht mit so viel Flöhen, als die Handwerker mit Mißbräuchen angefüllt!“
So lange die Zünfte herrschten, blieb der Landbau stationär, der Grundbesitzer arm, das ganze Güterleben fiel in Erschöpfung. Da schlug die Stunde der Befreiung des Bauernstandes von den feudalen Lasten, die einst versperrten Märkte sind geöffnet, der Verkehr ist erleichtert durch Dampf und Eisen, – und wenige Jahre der Theuerung landwirthschaftlicher Erzeugnisse brachten die erfreulichste Umgestaltung in den Verhältnissen des deutschen Landmanns hervor. Ein ähnliches und kein anderes Mittel kann den gewerblichen Bürgerstand vom völligen Verfall retten: Befreiung der Gewerbe von den Fesseln und Lasten der Zunft. Nur vollständige Gewerbefreiheit kann neues Leben in die Gewerbe bringen. Der Zunftzwang, heißt es in „Abbruch
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 92. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/101&oldid=- (Version vom 9.12.2025)