Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/103

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

laden, und den Fremden von dem Korn, das sie nach dem Piräus brachten, nur ein Dritttheil wieder auszuführen erlaubte. Da gab es Behörden (die Sitophylaken), welche die eingeführten Vorräthe verbuchten und Aufkäuferei, Mehl- und Brodpreise überwachten, also Marktmeister nach heutigem Begriffe. Die griechischen Marktmeister (Sitonen) hatten die Kornkäufe im Staatsauftrage zu besorgen. Ferner gab es da Preisermäßigungen und Austheilungen von Brod oder Getreide an die ärmeren Bürger, Redner, welche gegen die Wucherer eiferten, und endlich einen Kriminalkodex, welcher die Uebertretung der Korngesetze sogar mit Todesstrafe bedrohte! – In gleicher Weise stand im römischen Reiche die Sorge für Beschaffung der Lebensmittel unter den Regierungspflichten obenan, ja, sie wurde so zur Hauptpflicht des Staats gemacht, daß endlich der Staat selbst unter ihrer Last und ihrer verführenden Gewalt zu Grunde ging. Tacitus hat uns die Stelle aus einem Briefe eines der staatsklugsten Kaiser an den Senat erhalten, welcher die Sorge für die Volksnahrung geradezu für die wichtigste aller Herrscherpflichten erklärt. Das Brod war zum Köder geworden. Hatte schon Cicero geklagt, daß C. Gracchus durch seine Getreidespenden den Staatsschatz erschöpfe, wie hätten seine Worte gelautet, als das römische Volk durch die Usurpatoren- und Despotenpolitik planmäßig zum Gesindel erniedrigt war und wie Gesindel abgefüttert, ja, nicht bloß dies, sondern als entscheidende Macht im Staate, gefüttert und belustigt werden mußte! Natürlich gilt dies vorzugsweise von dem Pöbel der großen Hauptstädte Rom und Konstantinopel, Alexandria und Antiochia. In Rom wurden zuerst Geld- und Kornmarken an die Hunderttausende von Staatsbettlern ausgetheilt. Schon nach den ersten Kaisern konnte Jedermann diese Marken nach Belieben verkaufen oder gar vererben. Trajan vertheilte sie auch an Kinder, und Diocletian führte sie in Konstantinopel ein. Die Ausgaben dafür stiegen in’s Unermeßliche. Für Errichtung von Kornflotten und Handelsgesellschaften (navicularii) und Beischaffung von Kornlieferungen, die unter die Leitung des Praefectus annonae (außerordentlichen Getreide-Kommissärs) und unter die Oberaufsicht des Stadtpräfekten gestellt war, mußten die Einkünfte ganzer Provinzen angewiesen werden! So ward der Koloß reif für den Fußtritt der Barbaren. – Im Mittelalter vertraten lange Zeit und durch viele Länder die Bettelsuppen der Klöster die Stelle der römischen Brodmarken. Dies artete aus zu einer nothgedrungenen Wohlthätigkeit des Krummstabs überall, wo nach und nach der größte oder der beste Theil des Grundbesitzes in die Hände der Geistlichkeit kam und aus freien, frohen, fleißigen Bauern gedrückte, mißmuthige und faule Ackerknechte wurden. Nur der freie Fleiß nährt sich selbst. Sein Gegentheil offenbart uns im Elend des Volks noch heute die pyrenäische wie die apenninische Halbinsel, am niederschlagendsten Portugal und der Kirchenstaat. – Aber auch die neuere und die neueste Zeit mußten noch durch sehr herbe Erfahrungen, durch nutzlose Verschwendung von Millionen und den Untergang Tausender von Menschenleben, zum Siege der Wahrheit beitragen, daß der Staat, selbst der kleinste, nicht die Mittel hat, um nur die bloße Sättigung der hungrigen Mägen