Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/105
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
auszugleichen, d. h., noch ehe die Theuerung in Frankreich ihren Höhepunkt erreicht hatte, wöchentlich nicht weniger als 6–800,000 Franken nicht etwa bloß für die Armen, sondern auch für die Reichen, an die Bäcker zu bezahlen.
Den Theuerungspreisen gegenüber, welche den Armen die schwersten Entbehrungen auflegen und den Mittelstand allmählig aussaugen, ist es eine sehr ernste Frage: Wie soll der Staat in diese Mißverhältnisse eingreifen?
Wir haben gesehen, daß weder die so pomphaft proklamirte „Organisation der Arbeit“ der arbeitenden Klasse auf-, noch irgend ein Zwangspreis der Lebensmittel der allgemeinen Noth der Armen und Verarmenden auf die Dauer abgeholfen hat. Soll der Staat selbst Fabrikant, Producent und Kaufmann werden, um in Zeiten der Noth durch seine Konkurrenz bestimmend auf die Preise einwirken zu können? Oder soll das Volk entwöhnt werden von dem Gedanken, der bisher sein Trost war, daß der Staat sein Helfer in der Noth sei und sein müsse? Ich glaube, Keines von Beiden. In Zeiten wahrer Noth, d. h. dann, wenn nicht die Preise allein dem Aermeren das tägliche Brod ganz zu entziehen drohen, sondern wenn wirklicher Mangel voraussichtlich hereinbrechen muß, muß es auch eine Sorge des Staats sein, mit allem Aufwand seiner Mittel und seiner Macht, seiner Gesandten und Handelskonsuln, seiner Transportmittel und seiner Beamten die Zufuhr zu erleichtern, wenn nicht gar zu leiten, durch welche die Gemeinden der Noth im eigenen Kreise steuern und den gefährlichsten Theil der Noth, die Angst vor den Schrecknissen des Hungers, beseitigen können. So lange die Hülfsquellen der Einzelnen und der Korporationen zur Bekämpfung der Noth ausreichen, ist das Einschreiten des Staats nicht zu rechtfertigen. Wo es aber die Existenz eines großen Theils der Bewohner des Landes gilt, erwächst dem Staat eine höhere Pflicht, als die des Schutzes der von der Spekulation beherrschten Wege des Reichthums, in einem solchen Ausnahmefall wäre es ein schweres Unrecht, die Volksnahrung blindlings der Spekulation und den Zufälligkeiten der Konkurrenz allein zu überlassen.
Anders wird die Stellung des Staats gegenüber den im Allgemeinen gestiegenen Lebensmittelpreisen und dem Mißverhältniß des Vermögens, Erwerbs und Verdienstes eines bedeutenden Volkstheils zu denselben. Hier hilft nur Eines, und das ist: Freiheit! Freiheit von den Feudallasten hat den Bauernstand gehoben, Freiheit von den Zunftketten wird den Bürgerstand heben, und Freiheit für den Kornmarkt von den polizeilichen und finanziellen Verkehrshemmschuhen wird dem ganzen Volk zum Heile gereichen. Freiheit für die schaffenden Kräfte, ob des Geistes, ob der Hände, das hilft und weiter nichts! – Die jetzt so schwer empfundene Theuerung der Lebensmittel hört auf, eine solche zu sein, sobald die Einnahmen in das rechte Verhältniß zu den Getreidepreisen gesetzt sind. Der Werth des Geldes ist ein anderer geworden, und darnach müssen alle Erwerbs- und Lebensverhältnisse anders, d. h. jene gewinnbringender, diese unnütze Ausgaben ersparender werden, also:
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/105&oldid=- (Version vom 11.12.2025)