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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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hervorbricht aus dem Innern Asiens, ein reißender Bergstrom die Niederungen überschwemmt, Städte zerstampft, Reiche erobert, das Banner seiner Herrschaft aufpflanzt in drei Welttheilen, ganz Europa beben macht durch den Klang seines Namens – und, halb Grausen, halb Bewunderung im Herzen, steigst Du von Deiner luftigen Warte nieder. Dich verlangt, diesem kühnen Volke näher zu treten, die blendende Stadt, einen Mittelpunkt seines Reichs, in der Nähe zu schauen. Du willst ihre 40 Moscheen, ihre Bollwerke und Prachtbauten, alle die Denkmale ihrer Größe bewundern, willst Dich in das Wogen ihrer Bevölkerung mischen, an ihrem Schaffen und Genießen, ihrem Wagen und Gewinnen Dich erfreuen, und Du wirfst Dich hinein in das Labyrinth von Häusern, das Du aus der Höhe eben überblickt hast. Welche Täuschung! Da siehst Du das Gras wachsen auf den Straßen, siehst die Gebäude wie verlassen stehen, hier verfallende Paläste, dort Reihen in Schmutz versinkender Baracken, halb eingestürzte Zinnen und Thürme, von dunkelgrünem Epheugeranke dicht umwuchert; siehst Gärten verödet und verwildert, Trümmer ehemaliger Wasserkünste halb versunken unter dem Schatten riesiger Bäume, in deren Wipfeln das Volk der Vögel jubilirt und sich des Tages freut, unbekümmert um Lust und Leid der Menschen; Du siehst das armselige schläfrige Treiben der Märkte und Straßen; das monotone, freude- und interesselose Leben der Einwohner, die, aus Juden, Türken, Griechen und Armeniern bunt zusammengesetzt, im weiten Umfang der Stadt sich verlieren, wie in einem weiten Mantel ein dürrer Körper; siehst ihr mühevolles Ringenum ein karges Stück Brod, ihre ganze klägliche Existenz unter Schmutz, Lumpen und Ungeziefer; nirgends frisch pulsirendes Leben, nirgends ein geistiges Interesse, überall nur furchtbare Oede, Verfall und Verkommenheit, Stumpfheit, Noth und Verlassenheit überall, auf jedem Gesicht, an jedem Giebel, in jedem Winkel. Da ergreift ein peinliches Gefühl von Trauer und Melancholie Dein Gemüth, Du gedenkst Deines fernen Deutschlands mit seinen hohen Reichthümern, seiner Literatur, seinem Wissen, seinem Verlangen und Ringen nach geistigen Gütern – und Du verstehst mit einem Male das Voltaire’sche[1] Witzwort, das vom „kranken Mann“ spricht unter den Staaten Europa’s.
Wohlan! Durchfliege noch einmal die Blätter jener Geschichte, deren Bilder Dir vorhin in so imponirendem Licht erschienen, und der Verfall dieses Reiches wird Dir als eine nothwendige Folge klar werden, als ein Schicksal, das Religion, Staatseinrichtung und Volkscharakter vereint herbeiführten. Der Islam ist ein Kind Arabiens. In den wilden unzugänglichen Steingebirgen dieses Landes, in seinen Sandwüsten mit ihren sternenfunkelnden Nächten und der öden und erhabenen Einsamkeit, dort ist seine Heimath; dort, überhaupt in Asien,
- ↑ Der Philosoph von Ferney brauchte den Ausdruck zuerst in seinen Briefen an die Kaiserin Katharina von Rußland, um ihren byzantinischen Gelüsten zu schmeicheln.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/121&oldid=- (Version vom 12.12.2025)