Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/125

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Burg und Stadt Caernarvon in Wales.




Ein englisches Zwing-Uri in dem einst freien Fürstenthum der Kymren kann Caernarvon Castle in zwanzig Jahren das 600jährige Jubiläum seiner Erbauung feiern.

Die Walliser gehören zu den Völkern, deren Nationaleigenthümlichkeiten in Sitten, Rechten und Sprache vor den Gewaltschritten fremder Eindringlinge immer weiter zurückweichen mußten, trotz des Widerstandes nach jedem Kampf an Boden verloren, aber trotz alles feindlichen Machtgebots immer noch genug vom Untergang retteten, um den Freunden und Forschern der Geschichts-, Volks- und Sprachkunde reichen Stoff für Studien und Darstellungen zu bieten. Zwei Thatsachen sind es aber vor Allem, die den Walliser an die Seite der gegenwärtig in Sprach- und Nationalitätskämpfen begriffenen Völker stellen, dem stolzen und mächtigen England gegenüber: der Sachsenhaß erbt, wie in Irland, auch in den Herzen der Walliser fort, trotz dem, daß dem Lande schon seit drei Jahrhunderten mit den Lasten auch alle Rechte, Freiheiten und Wohlthaten der englischen Staats- und Gerichtsverfassung zu Theil wurden, der alte Haß erbt fort und hat in unseren Tagen den originellsten Ausbruch gefunden in den Zerstörungszügen der Rebekka und ihrer Töchter. Der Sprachkampf dagegen hat sich vor der Hand auf den unantastbaren Boden der Wissenschaft zurückgezogen: gelehrte und patriotische Gesellschaften und Vereine suchen von den Sprach- und Literaturschätzen des kymrischen Volkslebens zu retten, was unter dem französisch-sächsischen Druck noch erhalten und den Ausrottungsplänen der Regierung gegenüber lebendig oder lebensfähig bewahrt worden ist. Wie bei den Czechen in Böhmen und den Flamändern in Belgien knüpft sich allerdings an den Gedanken der Bewahrung zugleich der der Wiederherstellung der sprachlich-geschichtlichen Erinnerungen, Bedürfnisse und Ansprüche des alten im Lande heimischen Stammes. Endlich tritt uns auch in Wales die Erscheinung entgegen, daß das Flachland und der Kreis der höheren Stände dem Einfluß des Fremden zugänglicher waren, als das Volk des Gebirgs; wir finden in Südwales englische Sprache und Sitte vorherrschend, während in Nordwales die Berge sich, wie überall, als Festungen des heimischen Volksthums bewährt haben.