Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/128
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
Um diesen Festungstrotz zu brechen, baute der englische König Eduard I. im Jahr 1277 die Veste Caernarvon. Der Kampf Englands um Wales beginnt jedoch schon zur Zeit der angelsächsischen Könige, im 10. Jahrhundert. Schon damals mußten die Fürsten von Wales, deren stets mehre von einander unabhängig im Lande regierten, einen jährlichen Tribut in Geld und Wolfshäuten an die Könige in England entrichten. Entschiedener wurde der Widerstand, als Wilhelm der Eroberer Englands Herr wurde und die Normannen auch Wales zu überschwemmen drohten. Damals mußten gegen die Walliser, wie in Deutschland gegen die hereinbrechenden Slavenvölker, in England Markgrafen zum Schutz der Grenze eingesetzt werden. Die Uneinigkeit der wallisischen Fürsten unter sich brach mit dem Wohlstand des Volks die Macht zur Abwehr des stärkeren Feindes. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts an, wo Heinrich II. in England König war, enden die blutigen und besonders im Norden mit erbittertster Hartnäckigkeit geführten Kämpfe um Unabhängigkeit mehr und mehr mit Niederlagen der Walliser, bis endlich Eduard I. die Unterwerfung des Landes und aller seiner Fürsten vollendete. Das geschah, wiederum nach harten Gefechten und Hinrichtungen, im Jahre 1283.
Aber nicht nur mit den Waffen der Gewalt mußte Eduard I. den Trotz der Walliser brechen, er suchte durch List sie sogar mit ihrem Stolz an sich zu ketten, und auch die desfallsige der Geschichte längst einverleibte Sage vermehrt die historische Wichtigkeit von Caernarvon Castle. Die Häupter und Angesehensten des Volks von Wales hatten dem Könige gesagt, daß sie nur einen wälschen Mann zum Herrn haben wollten. „Gut“, sprach Eduard I., „ich werde euch einen solchen verschaffen.“ Hierauf hielt seine Gemahlin Leonore durch „das Thor der Königin“, wie es noch heute heißt, einen feierlichen Einzug in das feste Schloß Caernarvon und genaß daselbst eines Knäbleins. Dasselbe nahm alsbald der König auf den Arm, trat vor die versammelten Häupter der Walliser, zeigte ihnen den Königssproß von Caernarvon und sprach die wälschen Worte: „Eych dyn!“ – zu deutsch: – „Das ist der Mann!“ d. h. der wälsche, welchen ich euch versprochen habe. Seitdem führt jeder Erstgeborene der Herrscher von England den Titel „Prinz von Wales“, und seitdem sind die Walliser, mit einer einzigen Unterbrechung im Jahre 1400, der englischen Krone gehorsam geblieben.
Das feste Schloß von Caernarvon, welches unser Bild zum Hauptgegenstande hat, ist von den vielen militärischen Bauwerken Eduards I. das geräumigste und herrlichste gewesen. Noch jetzt macht es mit seinen dicken festen Mauern und seinen vielen Thürmen einen imposanten Eindruck. Der höchste dieser Thürme heißt der Adlerthurm; man steigt auf 158 Stufen bis zu der Zinne, von welcher aus der Blick weit über die Menai-Straße, die Meerenge im Hintergrunde unseres Bildes, und jenseits derselben über die Insel Anglesea hinschweift und auf das Meer und seine Pracht hinaus. Die Stadt Caernarvon liegt unmittelbar an der Menai-Straße, durch welche das gebirgige Festland von Wales getrennt wird von Anglesea und seinen fruchtbaren Ebenen. Sie ist
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 119. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/128&oldid=- (Version vom 14.3.2026)