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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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hinansteigen und ihr Anblick das Herz erhebt, bezaubert und entzückt, – traten sie dem Bewohner Italia’s mit zurückschreckender Furchtbarkeit entgegen; dort heben sich aus der wonnigen Ebene die starren Massen bis zur Gletscherhöhe empor, und wo sich ein Thal als Durchweg zu öffnen scheint, endet es in undurchdringlichen Schluchten oder vor unersteiglichen Abgründen. Es gehörte zu dem Entschluß, diesen Völkerburgwall zu durchbrechen, für die Söhne des Südens mehr Muth , als für die Männer des rauhen Nordens, denen die Schrecknisse der Bergwelt erst am Ende der Fahrt entgegen gähnten. Die römischen Adler trieb der Weltbesiegerübermuth zu dem kühnen Wagniß. Es gelang. Geöffnet war das Thor, aber damit auch eröffnet der Kampf zwischen den Völkern Odins und Jupiters, und er dauerte fort, bis über beiden das Kreuz sich erhob. Auf denselben Pfaden, über welche die ersten Legionen zur Eroberung Germaniens zogen, drangen Gallier und Germanen siegreich ein, gossen frisches Blut in die Adern des entmarkten Volks und machten das Land zum Kampfplatz für Jahrhunderte. Auf denselben Saumpfaden führten die deutschen Kaiser ihre Heere nach Welschland und steckten ihr Banner so tief in die Erde Oberitaliens, daß es noch jetzt darin fest steht.
Aus den Heerstraßen über die Alpen wurden Wege des Verkehrs zwischen den Völkern des Nordens und Südens. Die Kunststraßen der Römer hatten zwar nicht die Breite und Fahrbarkeit der jetzigen Alpenstraßen und boten noch Gefahren und Beschwerden genug, aber es waren doch Straßen. Nach ihrem Verfall bis in das siebenzehnte Jahrhundert hinein führten nur Saumpfade über die Alpen. Noch Albrecht von Haller († 1777) konnte ausrufen: „Ueber die Alpen geht kein Rad!“ – Zwischen Haller und der Gegenwart steht Napoleon. Er baute fünf großartige neue und erweiterte die zwei einzigen damals vorhandenen Fahrstraßen. Nach seinem Fall nahm Oesterreich wieder Frankreichs Stelle in Italien ein und unternahm und vollendete, theils im Vereine mit Sardinien und der Schweiz, theils allein jene Straßenbauwerke, die unbestritten das Kühnste und Größte sind, was in dieser Art in irgend einer Zeit und in irgend einem Lande durch Menschenhand vollbracht worden ist. Gegenwärtig ist Oesterreich durch 10 Straßen und 6 Saumpfade, die Schweiz durch 11 Straßen, von denen jedoch 5 zum großen Theil Oesterreich mit angehören, und 6 Saumpfade, und Frankreich durch 8 Straßen, von welchen 2 wiederum zugleich schweizerisch-österreichische sind, und 4 Saumpfade mit Italien verbunden.
Eine der kühnsten und schönsten dieser 29 Alpenstraßen ist die über den Splügen, über welche der Leser heute im Geiste mit mir geht. Ich führe ihn gewissenhaft und genau, denn ihm zu Liebe bin ich selbst diese Straße zu Fuß und mit dem Skizzenbuche in der Hand gewandert. Folge mir der Leser mit Vertrauen, aber auch, wo er den Adlerkiel des großen Gründers dieses Werks in meinen Schilderungen vermißt, mit der Nachsicht und Milde, womitman ja allerwege die ersten Schritte von „Nachfolgern“ zu beurtheilen pflegt.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/13&oldid=- (Version vom 6.12.2025)