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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Es wird eine Zeit kommen, wo im großen Dollarlande die Lust am rastlosen Erraffen der Gaben des Mammon ihren alleinherrschenden Reiz verliert, woman der gesammelten Schätze froh wird und Muße gewinnt, dem Dienste des Schönen in rechter Andacht Geist und Herz zu weihen. Schon dämmert im jungen Lande ein neuer frischer Morgen der Kunst, schon hat der Indianer seinen Sänger, die Sklavin ihren Künstler gefunden,[1] aber noch lebt die große Mehrheit der wahren Bewunderer jener Kunstblüthen am urkräftigen Westbaume der Menschheit unter dem bemoosten Gezweige des alten Europa, noch sind es vor Allem die üppigen Abfälle europäischer Kunstspekulation, welche die Schritte des Amerikaners von der Börse zum Geschäftshause im Vorübergehen einen Augenblick hemmen, und diesen schleudert der Yankee, des eigenen Geldwerths halber, mit eiligstem Applaus und eitel schmunzelnd seine Dollars hin, denn diese Kunst geht nach Gold. –
Die begabten Geister Nordamerika’s müssen jener Zeit voraus eilen. Ihre große Aufgabe ist es, in ihren nationalen Kunstwerken den Magnet zu schaffen, mit welchem sie in ihrem ganzen großen Lande die braven Eisenherzen an sich ziehen. Der Magnet muß stark genug sein, um diese Herzen heraus zu reißen aus den Klammern der Geldkästen wie aus dem Schmutz der Straße, aus den Armen der Kneipen wie aus den grünen Gründen des Urwalds, aus der Fence wie aus der Fabrik, kurz aus den schweißtriefenden Fäusten des Werktags, sie an sich zu fesseln für die Feierstunden des Geistes und an sich zu halten zum ruhigen Lauschen auf die Abendglocken des Herzens. Das stärkt beides, die Herzen und den Magnet. Denn auch darin wird die junge Literatur und Kunst jenseits des Oceans sich unterscheiden müssen von der großer Epochen der alten Welt, daß der aristokratische Stolz, nur für Wenige, nur für die Besten, die Gebildetsten zu arbeiten, weil man nur von diesen verstanden werde, den Dichtern und Künstlern Amerika’s nicht Stift und Griffel führen darf; ihre Aufgabe leitet sie von selbst auf den rechten Pfad zum dort einzig berechtigten Stolz: ihre Werke müssen so aus dem Geist ihres freien Volks herausgewachsen sein, daß das Volk durch das Gefühl der Verwandtschaft zu ihnen hingezogen wird und daß ein Kommentar mit gelehrtvornehmer und herablassender Präceptormiene dort so wenig zwischen Volk und Kunstwerk zu treten braucht, als es je gutbürgerliche Sitte war, Verwandte durch den Ceremonienmeister gegenseitig vorstellen zu lassen.
- ↑ Wir meinen H. W. Longfellow’s „The song of Hiawatha“, „Das Lied von Hiawatha“, deutsch von A. Böttger, Leipz. 1856, und von F. Freiligrath, Stuttg. 1857; – und J. Grant’s gefesselte Sklavin, eine lebensgroße Marmorstatue, welche auf der Weltindustrieausstellung zu London als Meisterstück gepriesen wurde.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/138&oldid=- (Version vom 13.12.2025)