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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Wenn aber im Volksfrühling drüben die Blüthen der Kunst hervorbrechen, wohin werden in den Stunden schöpferischer Beschauung und beschaulichen Genusses Volk und Künstler am liebsten blicken, wo wird die Kunst des Volkes liebste Stoffe zu suchen haben? – Wie bei allen Völkern: in der eigenen Vergangenheit! Wie der Mann immer mit Freude an seine Kindheit zurückdenkt, auch wenn sie hart war, und an seine Jünglingstage mit um so behaglicherem Gefühle, je stürmischer sie vergingen, so sieht das Volk am liebsten das Bild seiner eigenen Gestalt aus den vergangenen Tagen und stärkt sich an den überstandenen Geschicken für drückende oder drohende der Gegenwart und der Zukunft. Dann wird aber kaum ein zweiter Staat sich finden neben dem, dessen Hauptstadt unser Stahlstich zeigt, von gleichem Reichthum großartiger Schicksale der Männer und der Völker, von gleicher Menge und Mannigfaltigkeit jenes Kunststoffs, aus welchem Dichter und Künstler Jahrhunderte lang gestalten können die Gruppe und die Säule, das Epos und das Drama, die Ballade und das historische Bild.
Man hat die Kreuzzüge Europa’s zweite Völkerwanderung genannt. Mit gleichem Rechte mag man seit der Entdeckung Amerika’s von dem Beginne einer dritten europäischen Völkerwanderung erzählen, die man auch, jenen zur Eroberung des gelobten Landes im Osten entgegengesetzt, die zweiten Kreuzzüge nach dem gelobten Lande im Westen nennen darf. Jene trachteten nach der religiösen, diese nach der politischen Stätte der Erlösung, und beiden ist in ihren Wirkungen Das gemeinsam, daß sie die Isolirung der Nationen lösten, durch eine große Idee die verschiedensten Völker zur Thätigkeit nach Einem Ziele bewegten, sie in vielfache Wechselwirkung brachten, eine Sphäre freier Thätigkeit erschlossen und der Entwickelung bürgerlicher Freiheit Bahn brachen. Ein anderes Gemeinsames von beiderlei Kreuzzügen ist die Einheit des so vorzugsweise als vergeblich erstrebten Ziels der ersten mit dem nicht vorzugsweise erstrebten Erfolge der zweiten, d. h. die Kreuzzüge wollten das Kreuz aufpflanzen als Herrscherzeichen über Palästina, und die Züge nach Westen haben das Kreuz der Glaubensherrschaft erhoben von den Eismeerküsten des Nordens bis zu den Sturmgestaden des Südens der ganzen neuen Welt. Ihr Gemeinsamstes haben aber beide in den tausend Beispielen von dem Muthe, der Waghalsigkeit, Tollkühnheit und Ausdauer Einzelner und der Massen, von der Unerschrockenheit im Wiederbetreten eines Pfades, auf welchem schon Tausende untergegangen, Alles die Folgen einer gewaltigen Seelenerregung, die zu immer neuer Wagelust antrieb bis zum Verderben oder zum Siege.
Die unsäglichsten Mühen, Gefahren, Leiden und Opfer setzten sich über zwei Jahrhunderte lang mit auf jedes Schiff, das nach der ausgedehnten Küstenstrecke steuerte, von welcher das heutige Virginien nur noch den mittleren Theil einnimmt. Schon heute glänzt es auf jenen ersten Zügen wie vom romantischen Schimmer der Sage. Seht Ihr dort den Venetianer Cabot? Prima Vista nennt er das Land, das er 1497 zuerst gesehen. Er kam mit prächtiger Beute nach England heim, das ihn gesandt hatte, und starb. Aber der Lockvogel der
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 130. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/139&oldid=- (Version vom 13.12.2025)