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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Zwischen Mailand und Chiavenna, deutsch Kläven, dem Schlüssel (clavis, chiave) zu den drei Alpenpässen über den Splügen, den Septimer und der Maloja, ist durch die Eisenbahn nach Como und die Dampfschifffahrt auf dem Comosee die Entfernung sehr gemindert. Chiavenna ist die letzte lombardische Stadt auf diesem Wege nach Deutschland. Aus ihr schritt ich, das Ränzchen an der Seite, den Stock in der Faust, am Himmel die freundlichste Herbstmorgensonne und den Allerheiligenfesttag im Kalender. Von den beiden Thälern der Flüßchen Mera und Lira, die bei Chiavenna mit brausendem Jubel ihre Zusammenkunft feiern, hatte ich dem letzteren zu folgen. In der Stadt und auf allen Bergkirchen läuteten die Glocken das Fest ein, das ich heute mit feiern sollte zwischen den Gletschersäulen des unermeßlichen Alpentempels. Das Steigen beginnt gleich hinter Chiavenna. Von da an kommt das Auge nicht mehr zur Ruhe, ob es vorwärts oder rückwärts blicke. Lassen wir denn die wechselnden Bilder bei rüstigem Vorwärtsschreiten an uns vorübergehen.
Die Lira bleibt uns stets zur Linken. Ihre zahlreichen Wasserfälle brausen bald fern in der Tiefe, bald sehen wir das prächtige Grün und Weiß der Fluth und des Schaumes zwischen den mächtigen Blöcken der Bergstürze neben uns dahin toben. Jetzt treten hohe Felswände links hervor, überragt von grünen Waldhöhen, auf welchen vier Kirchlein mit ihren schlanken Thürmen und halbversteckte Häusergruppen sichtbar werden. Die Glockenlaute hallen auch von dort herab. Rechts rollt von hoher Felswand ein lustiges Wasser und blinkt prachtvoll in der Sonne. Jenseits der Lira beginnt hier ein wunderherrliches Naturspiel. Zwischen den waldigen Vorhügeln sieht eine Reihe grauer Bergfelsköpfe in’s Thal herein, mit jedem Schritt ein anderer, jeder Kopf mit anderer Haltung, bald hoch, bald gebückt, bald neugierig vorgebogen, bald rückwärts, bald seitwärts geneigt, kurz, so lebhaft, daß mir es endlich war, als hört’ ich’s in die Ohren, wie die sich zuraunten: Wo will das kleine Ding da unten hin? – Und nun sind wir im Jakobsthal, das uns mit frühlingsgrünen Wiesenflächen in den Gründen und an den Hügeln begrüßt; die Kastanien, die bis jetzt in Reihen die Straße begleiteten, treten in Gruppen wie kleine Wälder zusammen, aber zugleich beginnen die mühsamen Schlangenwindungen der Straße das steiler werdende Gebirg aufwärts. – An den Mauern eines Kirchleins links lesen wir: Vicolo per Pedemonti und gehen dahinter an einer tiefen Felsenschlucht, in welcher ein Bach herabspringt, vorbei. Wir sind schon merklich höher gestiegen. Die Felsenköpfe treten näher an das Thal, die grünen Bergwände sind bewohnt bis an die Felsengrenze und oft geschmückt mit Kirchlein und Kapellen. Die Häuser am Wege, alle nach italienischer Weise von Stein, sind oft halb Ruinen, oft an oder in Ruinen hineingebaut, oder zwischen die ungeheueren Felsblöcke, die jetzt immer häufiger den Weg einsäumen, so eingezwängt, daß man sie kaum davon unterscheiden kann. Eine Schaar Mädchen, im Feststaat, mit glänzenden Pfeilen im Haar, zieht singend vorüber. Wir sind bis zur achten Straßenwindung hinauf gekommen. Ein Rückblick zeigt uns die grüne und goldene Pracht des Herbstlaubes,
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/14&oldid=- (Version vom 6.12.2025)