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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Vaterlandes gegen den Aufgang höherer Kultur aus dem Osten ward Pocahontas Virginiens schützender Genius. In das Herz des Indianerkindes hatte die Vorsehung die Ahnung der Zukunft gelegt, sein Auge erhellt für die Erkenntniß eines reicheren Lebens. Ihr Geist blieb den weißen Männern zugewandt, ihre Sorge wachte über sie, ihr Muth beschützte sie mit eigener Gefahr vor vielen Gefahren. In der Brust Powhatans, des Königs, konnte die Freundschaft nicht fest wurzeln für die eingedrungenen Fremden. Er verschwor sich mit seinen Heimathgenossen gegen die Weißen in Jamestown (so hieß deren Stadt), aber Pocahontas entdeckte das Unwetter nach allen Seiten, und ihre rührenden Ermahnungen machten den Himmel wieder hell über ihrem Stamm und ihrem Schützling. Da kamen zu den alten neue Fremdlinge von Osten her, verworfen und zügellos. Die Fackel der Zwietracht leuchtete in der Stadt der Weißen. Neue Hoffnungen erwachten bei den Indianern: der Tag des Verderbens sollte anbrechen für alle Fremden am anderen Morgen. Wie erbebte Pocahontas! In finsterer, stürmischer Nacht flog das dreizehnjährige Mädchen durch die Wildniß zu den Männern am Jamesfluß und warnte sie vor der heraneilenden Todesnoth. Da half das Glück. Die Indianer finden die Weißen gerüstet und weichen ohne Kampf zurück. Eine Rothhaut aber war in verschlossenem Zimmerraum beim Kohlenfeuer eingeschlafen und vom Dampf scheintodt geworden. Der Führer der Weißen trat zu ihm – mit Essig und Branntwein und erweckte den Todten. Vor diesem unerhörten Wunder beugte sich der König sammt seinem ganzen Volke, Powhatan sandte Friedensgeschenke, und in Ruhe konnte der Fuß der Europäer auf der neuen Erde wandeln, so lange John Smith der Führer war. Das währte so lange, bis ein Pulverfaß zersprang und den tapferen Mann so schwer verletzte, daß er heim mußte nach England, um dort Hülfe zu suchen. Da hielt der König sein Wort für gelöst, der Ansiedelung war Haupt und Seele genommen, der Tag der Vernichtung brach an. Ein schreckliches Hinschlachten der Weißen begann, Verrath und Mord wütheten um die Wette, Pocahontas’ Stimme verhallte, nur ein einziges Leben konnte sie selbst retten, einen Knaben, den sie der Blutgier entriß. Nach dem Morden kam über die durch die Flucht Geretteten das Verderben in noch entsetzlicherer Gestalt: die Hungertodzeit hießen im Gedächtniß der Ansiedler noch lange jene Tage, welche nur 60 verschmachtende Menschen übrig gelassen hatten von den 500 Männern, von denen John Smith geschieden war. Neue Ansiedler traten in die Spuren der untergegangenen, und nach kurzer Frist der Erholung und Ruhe loderten abermals hell auf die Flammen des Indianerkriegs. Da kam auch über Pocahontas das tiefste Wehe vor dem höchsten Glück. Durch Verrätherei fiel sie in die Hände derselben Feinde ihres Stammes, der Engländer, deren Retterin sie so oft gewesen, und der Undank schämt sich nicht. Pocahontas, die treue Beschützerin der Weißen, ward fortgeschleppt als Gefangene nach Jamestown und in den Kerker geworfen. Fern von ihrem Vater, fern von ihrer grünen freien Heimath vertrauerte sie hinter den Eisengittern mehrere Jahre. Sie war ja nur eine Wilde! – Aber das Schicksal hatte
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/142&oldid=- (Version vom 13.12.2025)