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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Virginien war bekanntlich diejenige englische Provinz, wo der Aufruhr gegen das Mutterland zuerst offen heraustrat, denn schon acht Jahre vor dem schönen Tage, an welchem Boston seine Bai in den weltberühmten Theekessel verwandelte, widersetzten sich die Virginier mit Gewalt der Einführung des Stempelgesetzes. Drei Jahre später (1768) verband sich Virginien mit Massachusetts zu gemeinsamen Maßregeln gegen jeden Angriff, und 1774 sandte es seine Deputirten zum Kongreß nach Philadelphia, und darunter – den Washington! Ebenso bekannt ist es, daß außer Washington die Unions-Präsidenten Jefferson, Madison, Monroe, Harrison undTyler geborene Virginier waren. Und wie die Geschichte ist auch die Natur des Landes reich an Großartigem und Wunderbarem über und unter der Erde. Die Gebirge mit ihren ungeheueren Felsgebilden, die Ströme, deren Gewalt Berge durchbohrt hat, die Flüsse, die plötzlich spurlos unter dem Boden verschwinden, die Höhlen, deren Ausdehnung selbst die der Adelsberger übertrifft, die Wildnisse und Urwälder, und wieder die lockenden, behaglich breiten Thäler, die Fülle reizender Landschaften mit üppig bewaldeten Bergen, die Ebenen voll unerschöpflicher Fruchtbarkeit, die unermeßlichen Kohlenlager, die köstlichen Mineralquellen und die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Thier- und Pflanzenwelt, dies Alles erhebt die 3137 deutschen Geviertmeilen des Staates an Werth und Interesse über viele weit ausgedehntere Länderflächen der Union. Die Natur hat es gut hier mit dem Menschen gemeint, hat ihm alle Thore zum gewaltigsten Fortschritt geöffnet, – der Mensch selbst aber hat diesem einen argen Riegel vorgeschoben in der Sklaverei, durch deren Einführung in die Heimath Washington’s das Jahr 1650 gebrandmarkt ist. Dieselbe wirkt hemmend nicht nur auf die Entwickelung der Industrie, sondern auch auf die Bevölkerungszunahme. Der Staat wird durch das Alleghanygebirg in die östliche und westliche Hälfte getheilt; beide zählten 1840 eine Bevölkerung von 1,239,747, worunter 448,987 Sklaven waren. Der Census von 1850 ergab eine Gesammtbevölkerung von 1,409,000, worunter sich 469,000 Sklaven befanden. Davon kamen auf Ost-Virginien 411,602 Freie bei 395,250 Sklaven, auf West-Virginien, wo hauptsächlich Deutsche wohnen, von denen der Ackerbau fleißig betrieben wird, 379,118 Freie bei nur 53,737 Sklaven. Während nun in letzterem Staatstheile die weiße Bevölkerung in den letzten Jahren bedeutend zugenommen hat, zeigt sie im östlichen Theile eine auffallende Verminderung bei unverhältnißmäßigem Wachsen der Sklavenzahl. Die technischen Gewerbe fanden bisher im Sklavenlande geringere Pflege als in den Nordstaaten, und der Plantagenbau hat an Boden und Markt verloren, und so reißt der Fluch der Sklaverei immer tiefer abwärts, so daß jetzt Virginiens Hauptausfuhr, außer in Weizen und Tabak, vor Allem in – Menschenfleisch besteht. Die Virginier sind zu Sklavenzüchtern geworden. Da hört allerdings alle Poesie auf, die der Entrüstung ausgenommen.
Richmond, der Gegenstand unseres Bildes, ist die Hauptstadt Virginiens und des Tabakshandels. Sie liegt unmittelbar unterhalb der Stromschnellen des Jamesflusses und macht schon in der Ferne einen sehr günstigen
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 135. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/144&oldid=- (Version vom 13.12.2025)