Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/158

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Das Innere des Kölner Doms.




Laßt mir des Kindes Auge ungetrübt,
Das zu dem Vater aufblickt voll Vertrauen,
Und das des Vaters Haus so innig liebt,
Daß es in ihm nur will das Schönste schauen.
Und bist dem Vater solch ein Kind auch Du,
Wie schlägt das Herz Dir vor den hehren Hallen!
Wie eilt Dein Fuß dem Heiligthume zu!
Und vor der Pracht hemmst freudig Du Dein Wallen:
Der Glaube siegt! – rufst Du begeistert aus –
Denn wie der Glaube ist, so ist sein Haus!

Und der Glaube thut Wunder. Wer zweifelt daran, wenn des Glaubens herrlichstes Wunder ihm vor den Augen steht? Es ragt gen Himmel zu Köln am Rhein und ist das Wunder der christlichen Baukunst, das vollendetste Meisterwerk der germanischen Architektur und somit das bewunderungswürdigste Werk aller Architektur! Es ist, so wie es jetzt dasteht, 609 Jahre nachdem der Grundstein gelegt worden, in seiner Unvollendetheit das vollendetste Symbol der deutschen Nation, des deutschen Reichs: Ehrfurcht gebietend durch die Stärke und Dauer seiner Grundfesten, erhebend und begeisternd durch den Adel und die Reinheit seiner kühn aufstrebenden Glieder, gebrochen in der Kraft seines Wachsthums, seiner Vollendung für Jahrhunderte durch die Uneinigkeit im Glauben, dennoch allen Stürmen trotzend Jahrhunderte – ohne Dach und Spitze, aber – trotz aller frommen Sorgen und Mühen der Gegenwart – noch immer ohne feste Hoffnung, je die Vollendung zu erreichen, für die es der Plan des großen Meisters bestimmt hatte, – sie sagen: weil der Geist entwichen sei, der es begonnen.

Am Dome von Köln erscheint, wie Kugler uns belehrt, das System der germanischen Architektur in vollständiger, durchaus harmonischer und zugleich höchst grandioser Entfaltung. Es ist ein fünfschiffiger Bau, welcher in der Mitte von einem dreischiffigen, stark vortretenden Querschiff durchschnitten wird. Der Kapellenkranz um den Chor gibt dem Ganzen einen reichen vielgegliederten Abschluß. In der Formenbildung liegt, bei der