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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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und Mauern gestemmt, am Abhange immer höher und kühner hinauf, die Lira tobt tief unten zwischen grauen Felsstücken und Häusern dahin, und geradaus sperren die sich übereinander aufgipfelnden Schneerücken und Eishörner des Val Loga das Thal. – Hier muß die Natur fürchterlich gehaust haben, um solche Felsblöcke übereinander zu werfen, wie sie rechts in aufgethürmten Terrassen die Straße begrenzen und links die Abhänge und das Thal bedecken. Eine Viertelstunde wandern wir in dieser trostlosen Umgebung dahin, dann tritt der Fels zur Rechten, der bis jetzt nur die langen Füße des Berges Stozzo bis in das Thal vorgeschoben hatte, selbst so steil heraus, daß die Straße sich mehre hundert Fuß über dem Bette der Lira durch den Felsen hindurch und an ihm hin bohren mußte. Hohe Seitenmauern trennen die Straße von dem Abgrund zur Linken, rechts ragt schwindelnd hoch der Fels empor. So gelangen wir zu einem zweiten Thor, vor welchem Steinbänke den Wanderer zur Ruhe und zum Lesen der Inschrift einladen, die ihm gegenüber in die Granitwand eingehauen ist. Sie sagt uns, daß es Kaiser Franz war, der diesen Weg von Kläven zum Rhein über den Rücken des Traversede habe bauen lassen, und zwar durch seinen Baumeister Karl Donegani.
Wir durchschreiten das Felsenthor und stehen vor einer rechts abbiegenden langen düsteren Wegstrecke, die sich am Ursteintrümmerhaufen hinzieht, kühl und öde. Aus einer der Hunderte von Höhlen und Klüften des Gesteins kommt eine zerlumpte, wild behaarte Gestalt hastig auf mich los, aber nur mit der Hast der Noth. Der arme Wanderer bat um un poco di tabacco. Ich gab ihm, und er empfahl mich dankbar dafür der Gnade der Madonna.
Von da an wird der Weg außerordentlich traurig, alles Leben entfernt sich von ihm. Nur hoch von den Abhängen hören wir das Geklingel einzelner Schafherden und tief unter uns erkennen wir einzelne Steinhütten zwischen den Gebirgstrümmern; diese selbst aber zieren in mächtigen Blöcken von den verschiedenartigsten Säulen- und Pyramidenformen die Bergwände und die Thalschlucht. Eine Viertelstunde vergeht in tiefster Einsamkeit, bis wir wieder zu zwei Ortschaften gelangen, die durch eine kurze Wegstrecke von einander getrennt sind. Das Auge kann sich jedoch auch da an keinem lebensfreudigen Bilde laben. Der italienische Steinbau der Häuser läßt zu viel Spielraum für Ruinengestaltung; auch hier sehen wir bald zwischen den bewohnten Gebäuden leere Mauerreste und bald in Mauerresten bewohnte Hütten, an denen die Kleiderfetzen der Armuth im Winde flattern. Oberhalb des zweiten Orts grüßt uns rechts eine Kapelle; eine Brücke wölbt sich über einen von dort herabspringenden Bach. Erst in Campo dolcino regt sich wieder der Verkehr, in den Straßen des Fleckens ist’s laut von geschäftigen Händen, Wägen werden auf- und abgeladen, der Fuhrmann füttert vor dem Gasthause und Leute mit wohlhäbigeren Mienen blicken dem Reisenden nach. Ein campo dolcino, ein süßes Feld, scheint das breitere Thal mit seinen Hügellehnen besonders für die zahlreichen Schafherden zu sein; bald treten an die Stelle
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/16&oldid=- (Version vom 6.12.2025)