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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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der Kastanien hochragende Tannen an den Seiten der Straße, die nun wieder rechts am Bergabhang aufwärts steigt. Im Thale zeugen noch viele Häuser- und Mauertrümmer von der Verheerung, die der Liro tormente, wie das Volk die Lira nennt, zu verschiedenen Zeiten und am schlimmsten im Jahre 1834 angerichtet hat.
Nach fünfthalbstündigem Bergaufmarsch stehe ich endlich vor den Wunderwerken des Splügenstraßenbaues, die umringt sind von gleich großartigen Wundern der Natur. Hoch über mir auf ungeheuerer Felsenburg erkenne ich die Fortsetzung des Wegs. In welchen Windungen muß da die Straße sich hinaufringen! Ich eile voll Neugier vorwärts, immer den Blick der Höhe zugewendet. Da – entzückendste Ueberraschung! – stürzt gegenüber unweit von dem höchsten Punkt der Straße bis in den Abgrund tief unter mir hinab, wie ein unaufhörliches Herniederwallen glänzender, rauschender, aus Silberstaub gewobener Schleier, ein Bergstrom: es ist der 700 Fuß hohe Fall des gewaltigen Madesimo. – Der Anblick fesselt an die erste Stelle, wo das Auge ihn sieht, aber die in schwindelnde Höhe emporsteigende Straße winkt zu mächtig und verspricht ja, uns die Pracht der Katarakte von oben zu zeigen. Also – aufwärts! Und wahrlich, mit jedem Schritt steigt die Begeisterung für solch ein Riesenwerk der kleinen Menschenhand, für solch ein Werk des Wohls für Tausende! „Man glaubt hier den Finger eines Gottes vor sich zu sehen, der diesen Wegstreifen durch die Wildniß zog, und der hier den bedrohten Menschen vorsichtig Schritt vor Schritt mit Schutz und Hülfe umgab!“ Jede Windung der Straße (deren im Ganzen 10 sind) rückt nordwärts mit Dir bis zum Abgrund vor, aber gefahrlos für das schwerste Fuhrwerk und den raschesten Reiter führt der weite Bogen vorüber, trennt die Schutzmauer vom Absturz, und Mauer über Mauer, bald vom Fels getragen, bald von Gewölben gestützt, hebt sich die Bahn empor, und jede neue Terrasse zeigt Dir in der Tiefe das, was Du bestanden hast, und droben das, was Dich noch erwartet. Nach der sechsten Windung liegt das Jakobsthal nach Norden, wo es zur schauerlichen Schlucht einschrumpft, offen vor Dir bis zu den Schlünden des Cardinell, aus welchen die Lira hervorstürzt, und zutiefst im Thal, da wo kein menschliches Auge noch ein lebendes Wesen gesucht hätte, erkennst Du zerstreute Häusergruppen zwischen dem dunkelen Grün und Grau des Grundes und der Felsen. Es ist das Dorf Isola. Immer an senkrechten Felsabstürzen hin erreichen wir die siebente Windung der Straße, und immer tragen hohe Bogen und Mauern gemeinschaftlich mit dem Fels die ungeheuere Last. Jede neue Terrasse der Bahn zeigt uns jenseits des Jakobsthals neue Granitrücken des Hochgebirgs und neue schimmernde Gletscherreihen. Warum soll ich es nicht gestehen, daß diese Eindrücke so betäubend auf mich einwirkten, daß ich mich oft ernstlich fragte: ist’s denn wahr, daß Du das bist und Deine Augen, die das Alles sehen? – Am Ende der siebenten Biegung der Straße belehrt uns eine lateinische Inschrift in der Mauer, daß dieser Bau nach den Verwüstungen, die das Jahr 1834 über sie gebracht, unter der Regierung des Kaisers Ferdinand I. wieder hergestellt worden sei. Karl Donegani ist
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/17&oldid=- (Version vom 6.12.2025)