Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/172
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
Reformirte. Diese neue, in jeder Beziehung ausgezeichnete Ansiedlerschaft bildete den Stamm der noch heute durch Feinheit der Sitten und Liebenswürdigkeit des Charakters hervorragenden Bevölkerung der Stadt. Ihr Aussehen verdankt dieselbe jedoch anderen Ereignissen. Im Jahre 1779 wurde sie von den Engländern erobert; ein Jahr vorher hatte eine Feuersbrunst 252 Häuser in Asche gelegt. Noch entsetzlicher wüthete der Brand von 1796, der den dritten Theil der Stadt vernichtete; den letzten erlebte Charleston im Jahre 1838. Nach jeder solcher Verheerung erstanden die Straßen in freundlicherer Gestalt, während das Erhaltene aus alter Zeit mit treuer Pietät geschont wurde. Jetzt zählt Charleston über 3000 Häuser. Die Hauptstraßen laufen sämmtlich parallel von einem der beiden Flüsse zum andern, sind rechtwinkelig von Querstraßen durchschnitten und durchschnittlich 38 bis 40 Fuß breit. Um die glühende Sonnenhitze nur einigermaßen abzuhalten, sind die Häuser großentheils mit Vordächern versehen, breite gedeckte Balkone oder Gallerien ziehen sich an ihnen hin, an deren Säulen sich Weinreben oft bis zum Dache hinaufranken und in deren Schatten die Bewohner einen großen Theil des Tages hinbringen. Die einzelnen Häuser trennt meistens ein baumreicher Garten von einander, und selbst die sandigen Straßen, die man aus Mangel an Steinen nicht pflastert, sondern mit Muschelschalen aufschüttet, sind mit schattenden Bäumen aller Art besetzt. So sucht man in der Stadt wieder gut zu machen, was man draußen im Lande verdorben hat, denn erst seitdem die Wälder gelichtet und weite Strecken sumpfigen Bodens dem Sonnenstrahle Preis gegeben sind, ist das Fieber hier heimisch geworden.
Die öffentlichen Gebäude Charlestons sind in architektonischer Hinsicht ohne Bedeutung; selbst von den 25 Kirchen verdient keine einer besonderen Erwähnung. Reich ist die Stadt an Anstalten für Bildung und Wohlthätigkeit. Im Jahre 1850 bestanden hier 14 Akademien mit 861 Zöglingen, 13 Volksschulen mit 574 Schülern, das „College von Charleston“ mit 60 Studenten und einer Bibliothek von 3000 Bänden, eine literarische und philosophische Gesellschaft mit einer Naturaliensammlung, eine Akademie der Künste mit einer werthvollen Gemäldesammlung und eine städtische Bibliothek von 15,000 Bänden. Dazu ist Charleston im Besitz des besten botanischen Gartens in den Vereinigten Staaten. Unter den vielen Wohlthätigkeitsanstalten zeichnet sich das sogenannte Marmorhospital aus, eine Anstalt, in welcher Matrosen, welche bei ihrer Ankunft im Hafen einen halben Dollar entrichtet haben, im Fall ihrer Erkrankung freie und sorgliche Pflege finden.
Zum Schlusse dieses Artikels lassen wir uns von einem englischen Reisen den Etwas über die Vergnügungen der Charlestonier erzählen. Er sagt: Im Sommer auf die Stadt beschränkt, ergeht sich die schöne Welt Morgens und Abends auf dem Platze längs der Landspitze und in der Königsstraße, welche die meisten Kaufläden enthält. Uebrigens herrscht hier ein feiner und geselliger Ton, welcher, vereint mit der gerühmten Gastfreundschaft der Charlestonier, für den Fremden den Aufenthalt sehr angenehm macht. Bei den Frauen und Mädchen
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 163. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/172&oldid=- (Version vom 14.12.2025)