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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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unseres ersten Stahlstichs ist, das Bild von dem Wege, der von der großen Straße und von Pianazzo nach Isola hinab führt. Beide Galerien schützen gegen den Gletscher des Valbianco. Noch einmal folgen wir der Straße in weitem Bogen aufwärts und lernen die erste Casa Cantoniera kennen. Diese Cantoniera’s sind Zufluchts- und Rettungshäuser für Wanderer und Geschirre, die ein Unwetter oder ein Unglück erreicht hat. Es sind dies sehr stark gebaute kasernenartige Häuser, denen man ansieht, daß sie sturmfest sein müssen gegen die Angriffe der feindlichen Naturgewalten der Berge. Ihre gewöhnlichen Bewohner sind die Straßenarbeiter; doch findet man in den großen Cantoniera’s vollkommen wirthschaftliche Einrichtung für Menschen und Thiere.
Hier haben wir eine Höhe von 1654 Metri erreicht. Oberhalb dieser Cantoniera kommen wir zur vierten Galerie. Sie ist 700 Fuß lang und 15 Fuß hoch und dient zum Schutz gegen die Lawinen des Buffaloregletschers. –
Von da bis zur nächsten Cantoniera, die 1770 Metri (also über 5600 Fuß) hoch liegt, ist die Aufsteigung gelind, der Weg selbst, die Umgebung, die nächste, wie die entferntere, entsetzlich traurig. Die totale Oede, die vollkommene Ausgestorbenheit, die uns hier umgibt, beengt und durchfröstelt das Herz! Nichts als Gestein rings umher, kein lebendes Wesen stundenlang, zerfallene Steinhütten als die einzigen Spuren des Menschen, ringsum der Himmel begrenzt mit Schnee- und Eisbergen, rechts die Schneemäntel so tief herabwallend, daß ich bisweilen auf den Zipfeln und Schleppen herumtrete, jenseits zur Linken, der jetzt schon mit undurchdringlicher Nacht bedeckte Abgrund des Cardinello und über ihm die bleichen Gletscherhörner und Schneewände, und vor mir keine andere Ansicht, als in der Nähe die von Eisflächen umgebene Straße und in der Ferne breite schneebedeckte Felsrücken, – dazu die empfindliche Kälte des Spätherbstes auf dieser Höhe, der Kontrast zwischen dem Morgen in der grünen Landschaft der Weinreben, der Feigen- und Granatbäume und dem nahenden Abend zwischen Felsen, kahlen Bergwänden und dem Glitzern von Bildern des tiefsten Winters, das Alles macht hier das Gefühl des Alleinseins drückend, da legt sich „die Hand der Ewigkeit Dir auf das Herz.“ Ungewohnt, romantisch-schauerlichen Eindrücken auf die Länge mich hinzugeben, überlieferte ich mich in seliger Kindheiterinnerung einer Art Knabenübermuth, freute mich der unerwartet bescherten Eisfläche und zischte und rutschte so lange daraufhin, bis ich mich mutterseelenallein in dieser grausen Umgebung selbst auslachte. Endlich sehe ich auf einem Bergabhang zur Rechten die Paar Häuser des Weilers Terginate. Jetzt neigt sich die Straße gelinde abwärts. Da rinnt ein starker Bach uns quer über den Weg. Es ist die Lira, die wir hier wieder sehen, in der Nähe ihrer Geburtsstätte. Eine Brücke, Colmarettabrücke genannt, führt über sie. Hier ist die Stelle, wo der alte Saumpfad, der Lira folgend, durch die Schlucht des Cardinello hinab auf dem kürzesten Wege nach Isola führt und wo die einzige Verbindung mit dem Jakobsthal, Chiavenna und überhaupt Italien vom Splügen aus war, ehe oben an
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/21&oldid=- (Version vom 6.12.2025)