Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/215
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
Wer die Menschheit achtet als das höchste Schopfungswerk des Ewigen, in welchem sein Ebenbild sich ausprägen soll an der zur Erkenntniß führenden Hand des Geistes im All bis zur höchsten Vollendung, und wer die Menschen achtet, von denen jeder Einzelne berechtigt ist, von den Mitteln zur Durchführung der unendlich reichen Gottesidee seinen Theil von der Menschheit zu fordern, weil nur das Glück des Einzelnen der feste Grund und höchste Schmuck ist für das Glück des Ganzen, den begleitet beim Forschergang durch die Jahrhunderte der Geschichte ein tiefer Schmerz. Er sieht vom Anbeginn den Kampf des Lichts mit der Finsterniß, aber des Kampfs will kein Ende werden. Wie den Schatz im Mährchen sieht er den Weg zum Heil der Menschheit auf Erden bewacht von Riesen und Drachen. Und wo sein Herz schon zittert vor Wonne, wenn ein Ritter des Lichts die strahlende Lanze schwang und Riesen und Drachen erschlug und aufthat die Thore des Menschenglücks, – wie lange, und es dämmerte wieder, – neue Drachen erstickten mit ihrem Gifthauch das Licht und neue Riesen verschlossen die Thore des Glücks fester als zuvor. Und wie ist in den Zeiten solcher Finsterniß mißhandelt worden Alles ohne Unterschied, von der Hoheit bis zur Knechtschaft, vom Glanze bis zum Elend, vom Laster bis zur Unschuld und Tugend! Wo wäre das Licht, das der Wahn scheute, und wo das Recht, das die Rohheit ehrte! Vor solchen Blättern der Geschichte bangt Jedem für die Zukunft. Da gilt es, den ewigen Gottesgedanken fest zu halten, da gilt es, die Seele von den niederdrückenden Bildern zu befreien:
Da muß dem Aug’ aus der Vergangenheit
Nach uns’rer Tage wärm’rem Licht verlangen!
Da ruht es auf den Scherben alter Zeit,
Die braun wie Herbstlaub an den Felsen hangen.
Doch wo die Eisenfüße der Gewalt
Zertraten einst viel tausend warme Herzen,
Da muß mit Müh’ – so ist’s noch schauerkalt! –
Die neue Zeit die alte erst verschmerzen.
Avignon – noch heute Petrarca’s „tönende Stadt“, d. h. eine Stadt der Glocken und Mönche – soll schon sechshundert Jahre vor Christus gegründet worden sein. Wie Massilia (Marseille) ist auch diese gallische Kavarenstadt Avenio, die Avenicorum civitas der Römer, griechischen Ursprungs. Die rührigen Kaufleute von Massilia wurden die Wecker der Industriethätigkeit in Avenio. Seine Blüthe verdorrte mit
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 206. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/215&oldid=- (Version vom 18.12.2025)