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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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der des Römerreichs, die Bürgerkriege vernichteten beide. Mehrmals rasch nach einander erobert, geplündert und verheert, kam es als ein Haufen von Hütten zwischen Palästetrümmern an die Burgunder und wurde dann, im Verlaufe der Völkerwanderung, in bunter Folge westgothisch, wieder burgundisch, dann ostgothisch, dann fränkisch, dann saracenisch und (durch Karl Martel) wieder fränkisch, bildete, nach dem Zerfall des Frankenreichs, mit seinem Gebiete eine eigene Grafschaft, ward Hauptstadt von Venaissin, fand neue Herren in den Grafen von Toulouse, Provence und Forcarlier und sah erst nach der Letzteren Aussterben sich die Bahn geöffnet zur municipalen Selbstentwickelung. Gleich den freien Städten Deutschlands und der Lombardei gab sich Avignon zu Anfang des 13. Jahrhunderts eine republikanische Verfassung. Aber schon dreißig Jahre darnach hat es wieder seinen Oberherrn in dem Grafen von Provence.
Wie Venaissin und Avignon in den Besitz der Päpste kamen, ist keine schöne Geschichte. Der Herr des Landes war Graf Raymund VI. von Toulouse, Markgraf der oberen Provence, ein Mann von hellem Geist und edlem Herzen. Unter seinem Schutze predigte Peter de Bruys die Lehre der Albigenser, wenigstens schützte er diejenigen seiner Unterthanen, welche, entrüstet über die bodenlose Verworfenheit des damaligen Klerus, ihre Seelenberuhigung in der neuen Lehre suchten. Was nun folgte, lag im Wahn und in der Rohheit jener Zeit: blut- und beutegieriges Gesindel fiel, nach des Papstes Bannstrahl, her über das fleißige, fromme und treue Volk, raubend, mordend, brennend und schändend, – und das hieß Kreuzzug! Mit den Mordbrennern wetteiferte die Inquisition in lodernden Flammen der Scheiterhaufen und Einsäckeln des Vermögens der Hingeschlachteten. Nach tapferem Widerstand erlag der edle Raymund und starb vor Gram über so unsägliches Unglück. Sein Sohn mußte dem Papste die Grafschaft Venaissin abtreten, um den verheerten Rest seiner Länder zu retten und – durch solche Hände „vom Zorn Gottes“ erlöst zu werden! – Die Stadt Avignon bot durch die Festigkeit ihrer Mauern und die Tapferkeit ihrer meist albigensischen Bürger dem Andrang des „Kreuzheers“ Trotz, bis König Ludwig VIII. von Frankreich ihn brach. Vergeblich berief sich die Stadt auf ihre Unantastbarkeit, weil sie zum burgundischen Kreis des deutschen Reichs gehöre. Schon damals lag ja unser armes Reich überall in Deutschland – „draußen!“ – Avignon kam nach noch mancherlei Herrenwechsel an Neapel, und als die liederliche Königin dieses Landes, Johanna I., die Mörderin ihres Gatten, an den päpstlichen Hof nach Avignon floh, wegen ihrer Schönheit mit allen Ehren empfangen und gehalten wurde und in Schulden gerieth, überließ sie Avignon dem Papste (Klemens VI.), der ihr dagegen 80,000 Goldgulden versprach; das ist das würdige Ende dieser Geschichte.
Die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Päpste in Avignon (1309–1377) ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung des Christenthums. Kein Fetischdienst der Erde mit den massenhaftesten Menschenopfern
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 207. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/216&oldid=- (Version vom 18.12.2025)