Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/217
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
hat so gewüthet im Blute des eigenen Geschlechts, als damals Wahn und Rohheit der herrschenden und fast allgewaltigen Priesterschaft! Es ist zum Erbarmen, ja, man muß in seinem Urtheil Mitleid und Schonung üben gegen die unglücklichen Henker, die, bei der eigenen unvergleichlichen Versunkenheit in den tiefsten Sündenpfuhl, an die entsetzlich verzerrte und beschmutzte Form des Glaubens und Gebets sich anklammernd, für das Heil ihrer Seele keine höhere Sicherheit erkannten, als die: den allbarmherzigen Gott der Liebe mit Blut und Asche seiner Kinder zu erquicken! – Lassen wir einen Zeitgenossen jener Tage reden, an dessen Wahrhaftigkeit Niemand zweifelt: den großen italienischen Dichter Petrarca (1304–1374). Er nennt Avignon: „das occidentalische Babylon“ und „eine Schule des Lasters, einen Mittelpunkt der Irreligiosität und des schändlichsten Aberglaubens“ und fährt fort: „Man verliert hier die kostbarsten Güter, Freiheit, Ruhe, Zufriedenheit, Religion, Hoffnung und christliche Liebe; jede Straße ist ein Sammelplatz aller Laster; das Alter verderbt die Jugend, Entführung, Entehrung der Weiber, Ehebruch und Blutschande sind ein Spiel für den römischen Hof. Nur das Gold ist im Stande, das Ungeheuer zu zähmen, das hier sein Wesen treibt; für Geld öffnet man hier den Himmel, für Geld verkauft man Jesum Christum, unsern Herrn!“ – Und damit genug von diesem Jammer. Wir begegnen ihm ohnedies noch einmal beim Gange durch die Räume der Burg der Päpste.
Die Frucht dieser avignoner Blüthe war das große Schisma der abendländischen Kirche. Es wurden nun Päpste in Avignon und in Rom gewählt, die sich gegenseitig in den Bann thaten. Erst nachdem das Papstthum zu Avignon mit Waffengewalt aufgehoben worden war, residirten daselbst nur Legaten oder päpstliche Statthalter.
Am Sinken Avignons arbeitete fortan zweierlei: der Mangel der Millionen, welche aus den Kassen der Päpste und ihrer Umgebung in alle Schichten der Bevölkerung gesickert waren, und der Zwiespalt der kirchlichen Gilden: der grauen, weißen und schwarzen Büßer. Letztere waren aus Resten der Albigenser entstanden. Aus diesen drei Gilden erwuchsen ebenso viele Parteien unter der Bürgerschaft, die den Streit vom kirchlichen auch auf das politische Feld übertrugen und sich nicht selten vollständige Straßenschlachten lieferten. Frankreich einverleibt wurde Avignon mit Venaissin erst im Jahre 1791 durch die Nationalversammlung. Der alte Bürgerkrieg gewann dadurch nur einen größeren Kampfplatz; fürchterlicher als irgendwo wütheten die Mordwaffen der Revolution hier in der Hand der Gilden. Und nachdem man die zweite Blutsündfluth vergossen hatte, in der Burg der Päpste, wurde in der alten denkmälerreichen Stadt Alles zerstört, was in den Augen und Herzen von Menschen Werth hat, nicht bloß Kirchen und Paläste, Statuen und Bilder – auch das Denkmal der armen schönen Laura!
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 208. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/217&oldid=- (Version vom 18.12.2025)