Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/218

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Aus diesen Trümmern ging das Avignon der Gegenwart hervor. Der Schutt der Paläste fiel hoch über die Stätten der Scheiterhaufen und Blutlachen, und darüber wandelt und wohnt das neue Leben, wie oft auf längst vergessenen Grabhügeln wieder Rosen wachsen, mit denen frohe Kinder spielen.

Die Rosen wachsen gar schön dort. Du athmest in Avignon schon den Reiz der Natur des Südens. Ueber Dir wölbt sich ein italischer Himmel, immergrüne Fluren umgeben Dich, geschmückt mit der Flora der tropischen Zone. Da prangen Limonen- und Oliven-, Orangen- und Feigenbäume, die Weinrebe umschlingt den Maulbeerbaum, und durch die üppige Fülle der Landschaft wogt mit bläulichen Fluthen die Rhone dahin, mit stolzem Ungestüm dem nahen Meere in den Schooß eilend. Am linken Ufer des herrlichen Stroms liegt die Stadt, zu beiden Seiten des von den Fluthen bespülten, senkrecht emporsteigenden Kalkfelsens Dons, in sanft aufsteigender Ebene, umringt von zinnen- und thurmreichen grauen Mauern, hinter welchen aus dichtgedrängter Häusermasse unzählige Glockenthürme emporragen, und beherrscht von dem Riesenbau der Burg der Päpste. Zu den Füßen derselben trotzen malerische Brückentrümmer dem Wogendrang; es sind die letzten vier von den einst neunzehn Bogen, welche – jedoch nur für Fußgänger und Reiter breit genug – von 1180 bis 1660 Avignon über die fruchtbare Rhoneinsel Barthelasse hin mit dem Städtchen Villeneuf am rechten Rhoneufer verbanden. Eine Kapelle der Madonna steht auf dem zweiten Pfeiler, auch Ruine. – Wer den rechten Eindruck vom Charakter dieser wunderbaren Stadt empfangen will, muß im Abenddämmerungslichte die Rhone abwärts hierher kommen; da fühlt er sich so seltsam ergriffen, als wäre er plötzlich in die graue Vorzeit oder gar in eine andere Welt versetzt. Und wandelst Du dann am Tage in den meist engen, steilen, finsteren Straßen zwischen den alten massiven Häusern mit herausgebauchten schweren Eisengittern vor den Fenstern, so geht der einmal empfangene Eindruck mit Dir, und er weicht erst ein Wenig zurück, wenn Du in das hellere und neuere Stadtviertel der Kaufleute und Fabrikanten kommst, wo die moderne Zeit Herr ist, oder in die wüsten Höfe der Papstburg, in welcher der rothhosige Kriegsmann sein Kasernenleben führt.

Diese Burg zeigt sich uns als das meisterhafteste Porträt, das von der Physiognomie irgend eines Zeitalters auf uns gekommen ist: Palast, Festung und Gefängniß, aber mehr grauenvoller Kerker, als Festung, und mehr sturmfeste Burg, als Palast, und selbst als Palast ein Schloß mit orientalischem Aeußeren: alle Fenster nur den inneren Höfen zugekehrt. Wie aus Einem Guß von Erz steht die altergebräunte Veste da, aus welcher der dreifachgekrönte Donnerer seine Blitze auf Fürsten und Völker schleuderte. Hier, sagt Dumas, begreift es sich, wie in einer Zeit, wo der Schwache keine Hoffnung und der Starke keinen Zügel kannte, Alles von Eisen war, vom Scepter bis zum Kreuze, vom Kreuze bis zum Dolche! – Begonnen ward der an Ungeheuerlichkeit der Quadermassen unübertroffene Cyklopenbau, dieses in der Welt einzig dastehende Monument, das nie eine Nachahmung