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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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den Berglehnen hin die Straße lief, auf der wir hierher gekommen sind . Durch diesen Abgrund zogen die Heere der Kaiser wie die Lastzüge der Kaufleute Jahrhunderte lang, und gerade hier wüthen die Lawinen am schrecklichsten, hier verwesten Tausende in den Schlünden, hier könnten Geisterheere umgehen; hat doch noch vor 56 Jahren der Marschall Macdonald, der eine französische Heeresabtheilung unter Schneegestöber und Sturm da hinabführte, ein starkes Kontingent dazu gestellt!
Wir betreten nun einen öden Bergkessel, sehen am Ende desselben eine Häusergruppe und dahinter zwischen mächtigen Gletscherpyramiden einen Berg, dessen Wand mit bekannten Zickzacklinien und dessen Rücken mit Schnee bedeckt ist. Der Bergkessel war einst bewaldet, jetzt dient er zahlreichen bergamasker Schafen in guter Jahreszeit zur Weide. Die Häusergruppe enthält eine österreichische Dogona und ein Wirthshaus. Vor jener wandte sich ein Grenzsoldat an mich mit der europäischen Konversationseinleitung: „Signor’, molto bel tempo!“ – Vor diesem aber hörte ich wieder seit langer Zeit die ersten deutschen Laute aus Volksmund, und wie wohl thaten sie! „Wollet der Herr mitfahre nach Splüge?“ klang die freundliche Frage. – Ich drückte dem Burschen meinen Beifall durch einen großen „Enzian“ aus, und vorwärts ging’s zu den Zickzacklinien der letzten Höhe des Splügen.
Mein Fuhrmann war ein richtiger Alpensohn; er freute sich, daß wir den Abend erreicht hätten nach einem so schönen Tag. Ich verstand seinen Wink, mein Auge folgte seinem Finger, nach der ersten Windung der Straße, die uns den Blick nach Osten öffnete und einen Rückblick nach Süden verstattete. Die Krägen der Schneemäntel waren roth geworden, die Gletscherhäupter prangten in purpurner Pracht, die Herrlichkeit des Alpenglühens entfaltete sich vor mir, ein großer Lohn für mein beharrliches Heraufsteigen den ganzen Tag. Aber beschreiben läßt sich dieses Bild aus Feuer und Schnee und Eiskluftschatten so wenig als malen: nur zerstückeln läßt es sich; aber wie sieht das Ganze aus, das aus solchen Stücken wieder zusammengesetzt wird? – Die Gletscher vor uns gehören dem Soretto. Unwillkürlich folgt man der purpurnen Höhenreihe zurück nach der durchmessenen Bahn. Man möchte seine hohen Nachbarn des Tags im Abendschmucke sehen. Es glüht auch dort, fern und immer ferner verglimmen die rothen Schultern und Häupter. Da trifft unser Auge im Weitergehen auf ein langes schwarzes Grab, und auf dem Rand des Grabes zur Rechten sitzen in langen weißen Hemden die Riesenleichen mit den fahlen bläulichen Gesichtern, am dichtesten zusammengedrängt bei der Gruft des Cardinell, die eine Halle dieses Riesengrabes ist: die Schneewände und Gletscher des Val Loga und S. Giacomo, die gen Morgen blicken und die ihren Schmuck uns am Tage im Glanz der Sonne zeigten. Die Straße biegt jetzt ganz nach Westen um und vor uns thront der König dieser Leichenschaar, der Tambo. Und wie der Weg sich windet, wechselt das Bild, bald Leuchten, bald Leichen. Je höher, desto herrlicher, und desto durchdringender der kalte Athem der Berge; die
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/22&oldid=- (Version vom 6.12.2025)