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Räder des Wagens knistern im Schnee. Zur Linken winkt uns das letzte österreichische Rettungshaus, ausgestattet mit einem Glockenthurm. Bei Nebel und Schneegestöber muß hier von Zeit zu Zeit die Stimme der Glocke rufen und warnen, damit die Menschen auf der Straße sich zurecht finden, wenn sie die hohen Stangen nicht mehr sehen können, die des Wegs entlang ausgesteckt sind. Jenseits der Cantoniera, aber noch von keinem Auge entdeckt, zieht quer über die Straße die Grenzlinie zwischen dem lombardisch-venetianischen Königreich und der helvetischen Republik. Jetzt steht zur Rechten der begletscherte Soretto in vollem Ornat. Aber die Zeit, welche auch die Höchsten endlich ihres Glanzes beraubt, eilt mit der Sonne davon. Auch wir eilen. Die Schneewand zu beiden Seiten der Straße wird immer höher, die Luft immer schärfer. Endlich ist der Gipfel des Splügen erreicht, wir stehen 6450 Fuß über dem Meere. Noch einen Blick nach Italien hinüber, es glüht dort noch, rascher rennen die Pferde und plötzlich umfängt uns stockfinstere Nacht. Die große Galerie dieser Hochstraße hat uns aufgenommen. Wir kommen nicht mehr an das Tageslicht, auch wenn wir die Galerie verlassen haben. Die Sonne ist fort mit dem letzten Leuchtchen. Neben uns strecken links die Cornella, rechts der Soretto sich zur Nachtruhe aus; ihre ungeheueren Glieder reichen tief hinab unter die Decke der Nacht. Zwischen beiden senkt sich die Straße und läuft dem Oberhäuslibache nach, eilt noch einmal unter einer Galerie hinweg, und nachdem sie in sechzehn Windungen dreimal über den Bach gesprungen ist und den Grund und Menschenwohnungen begrüßt hat, naht sie sich mit feierlicher Sehnsucht einer bedeckten Brücke, darunter es urkräftig donnert und tobt. Was ist das?

„Was jauchzt in mir die Lust so laut empor?
Ja, ich erkenne dich, du schöner Knabe,
Du wilder Bub’ der Berge, Heldenkind
In deiner Riesenwiege, Rhein! o Rhein!“

Wir sind zur Stelle, das Dorf Splügen liegt vor uns, der Berg Splügen sammt der Splügenstraße hinter uns. Von Splügen aus gehen Wege nach vier Richtungen: drei Straßen und ein Saumweg. Denn neben der Splügenstraße beginnt hier auch die prachtvolle Alpenstraße über den Bernhardin, dem jungen Rhein entgegen; beide aber sind für Deutschland und die Schweiz erst zugänglich gemacht worden durch die großartigen Bauten dem Hinterrhein entlang bis nach Thusis und von da zur Hauptstadt Graubündtens. Der Saumweg führt von Splügen über den Savierberg in das Savierthal. – Wir dürfen jedoch die Wiegenstätte des Rheins nicht verlassen, ohne vorher von einem Vorhügel des Splügenbergs aus in das Rheinwaldthal, in das ich den Leser in dunkler Nacht geführt habe, unter dem Scheine der Morgensonne zu blicken.

Da liegt das Thal mit seiner Smaragdschnur, dem grünen schäumenden Rhein. Zur Linken läuft unsere Straße von Gestern schon wieder den Berg hinan. Jenseits derselben erhebt sich der Stokenwald mit dem Horn.