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deren Hauptziel politische Macht ist, streckt die Mormonenschaft die schleichenden Fühlhörner vorzugsweise über krankhafte Stellen der Menschheit aus. Wie sie in Italien die revolutionäre Aufregung für ihre Zwecke benutzte, so in Deutschland die reaktionäre Abspannung, und wie in Skandinavien die kirchliche Verwahrlosung, so in Großbritannien die materielle Noth – aber immer nur der niedrigsten Volksklassen. Die Gesammtzahl der Mormonen auf der Erde berechnet sich schon jetzt nach Hunderttausenden.

In Utah ist die mormonische Volkszahl auf 50,000 gestiegen. Diese Bevölkerung ist zwar sehr verschiedenen Charakters, doch herrscht das englische Element natürlich vor. Neben diesem bewegte sich bisher in ungestörter Ursprünglichkeit der scharfe, rastlose Yankee mit dem Allerwelts-Führungs- und Anführungstalent, der vorsichtige, schlaue Schotte mit dem schmalen Gesicht, der finstere, phlegmatische Deutsche, der lustige, leichtherzige Irländer und Franzose, und alle zusammen lebten in diesem wüstenumgürteten Zufluchtsorte in geselliger Harmonie und Brüderlichkeit. Diese und das musterhafte System, die Arbeitskräfte gemeinschaftlich zur Erreichung eines Ziels zusammenwirken zu lassen, während doch jeder Einzelne sein besonderes Privateigenthum in liegender und fahrender Habe besitzt, haben ihr Gemeinwesen zu einer Blüthe erhoben, die, vom materiellen Standpunkt betrachtet, unsere Bewunderung verdient. Die sprechendste Thatsache dafür ist die: Im Jahre 1850 fragten die Vorsteher der Mormonen in allen Gemeinden nach, wie viel Individuen vorhanden seien, welche man etwa in ein Armenhaus aufnehmen könne. Da meldeten sich als öffentlicher Unterstützung bedürftig gerade – zwei Personen, zwei unter so vielen Tausenden, welche drei Jahre vorher ihres Eigenthums beraubt worden waren und gekochtes Leder essen mußten, um nicht zu verhungern!

Wo ist nun die eigentliche Quelle des Hasses, der alle Amerikaner der Union erfüllt gegen diese Latterday-Saints? Wo war die Quelle namentlich in den ersten Zeiten des Mormonenthums, wo dasselbe noch, machtlos zwischen den Bewohnern der Oststaaten aufkeimend, den Gesetzen der Regierung zu Washington gehorchte? Welcher Haß hat diese armen Heiligen dreimal von Haus und Hof und bis in die Wüste getrieben? Schwerlich ein Haß gegen die wunderlichen Geheimnisse der mormonischen Theologie allein! Die Amerikaner können, was Religion angeht, viel vertragen, so lange eine neue Sekte die Bibel als Glaubensbuch anerkennt, und das thun auch die Mormonen. Jenes sonderbare Ding, welches man die ganz eigenthümliche amerikanische Religion nennen muß, hat schon viele Zerrbilder hervorgebracht, über welche man sich wenig beunruhigte. Wer einmal einem methodistischen Waldlager beigewohnt hat, hält in Religionssachen bei den Amerikanern Alles für möglich. Die Sekte der Mormonen ist aber sogar aus jener specifisch amerikanischen Religion recht eigentlich herausgewachsen, in keinem anderen Boden hätte die Pflanze wurzeln können. Nicht ihr Glaube ist dem Amerikaner das Hassens-, Verachtens- und Vernichtungswürdige, sondern die von diesem Glauben diktirten unamerikanischen Sitten und