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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Regierungsformen und ihr unmenschlicher Heiligenhochmuth. Die Mormonen glauben nämlich zwar an die Aechtheit des Alten Testaments wie an die Göttlichkeit des Charakters, der Sendung und Offenbarung Christi, glauben aber gleich darneben, daß der Wille Gottes sich dem Joseph Smith in ähnlichen Offenbarungen kund gab und, wenn Verhältnisse es fordern, sich heute dem Brigham Young und den anderen Patriarchen der Kirche ebenso kund geben wird. Der anstößigste Theil ihres Glaubens ist jedoch der an Vielgötterei und die Vielweiberei, die beide Hand in Hand gehen und gegenseitig ihre Nothwendigkeit beweisen müssen. Den Grundideen ihrer Theologie gemäß sind die Mormonen selbst alle „Götter und Väter von Göttern“, verschieden von einander nur in Macht, Wissen und Rang, Götter, die sich selbst erniedrigt haben, um eine Zeit lang unter menschlicher Gestalt auf der Erde zu erscheinen. In ihrem erniedrigten Charakter ist es daher eine ihrer größten Pflichten, ihr Geschlecht zu vermehren, und nicht allein die Erde, sondern auch andere unzählige und unerschaffene Welten mit ihren Nachkömmlingen, Göttern, wie sie selbst, zu bevölkern. Daher kommt die Nothwendigkeit und der Grund für die Annahme der Vielweiberei; nur sie macht es möglich, daß die Mormonen diesen großen Zweck ihres Daseins schneller zu Stande bringen. Nach dem Tode fahren sie in den Himmel hinauf, nehmen ihre ursprüngliche Gottheit an und leben nun in einem Zustande ewigen Freudengenusses, umgeben von ihren zahlreichen Weibern und ihrer Nachkommenschaft. Eine Hölle gibt es für die Mormonen nicht; des Himmels Unwürdige werden eben der Freuden und Entzückungen derselben beraubt, und Unwürdige sind von vorne herein alle Nicht-Mormonen, die aber, selbst die längst verstorbenen, erlöst werden können dadurch, daß ein Mormone sich nachträglich noch für sie taufen läßt.
Aus diesen Grundzügen ihres Glaubens fließen nun die Quellen des amerikanischen Hasses gegen die Mormonen von selbst zu Tage. Diese Heiligen des jüngsten Tages brachten keine Vermehrung in das bunte Farbenspiel der Sekten, sondern eine Trennung in das Leben. Sie sonderten sich als geschlossene Kirche von dem übrigen Volke ab, nicht bloß in der Religion, sondern in ihrer ganzen Wirthschaft. Sie wollten nicht bloß an der Bibel genug haben, sondern auch begnadigt sein durch besondere Offenbarungen Gottes und der Engel an ihre Propheten. Sie hielten das Wesen ihrer Religion und Vieles in ihren Sitten und Gebräuchen geheim und trotzten dem Verdacht, in wichtigen Dingen von der allgemeinen Landessitte abzuweichen. Sie verkündigten frank und frei, sie allein seien die Auserwählten des Herrn und die Andern alle Heiden und Verworfene. Dabei waren sie nicht bloß einfache Landbauern, Handwerker und Handelsleute, sondern ausgelernte Banquiers und Geschäftsleute, und nicht als friedsame Mitbürger traten sie auf, sondern als entschlossene Männer des Schreckens, welche ihre Bataillone einübten und sich eine Artillerie verschafften. Was Wunder, wenn das amerikanische Volk Grund zu der Befürchtung zu haben glaubte, der Mormonenstaat werde, wenn er erst stark genug dazu sei, sich wirklich für souverän erklären und die hergebrachte Staats- und Landesordnung zu zerreißen suchen?
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 250. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/259&oldid=- (Version vom 20.12.2025)