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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Die stolze Burg der Obotriten, die Seefeste der mächtigen Wendenkönige, einst ein Bollwerk des slavischen Heidenthums gegen die germanischen Kreuzritter, durch Spaten, Schwert und Hammer der Jahrhunderte umgewandelt in eines der prächtigsten deutschen Fürstenschlösser, eben so ausgezeichnet durch den Reiz der Lage wie durch die Großartigkeit des Baues, es steht vor uns in einem Bilde voll malerischer Anmuth.
Die Schlösser deutscher Fürstenhäuser von älterem Fundamente haben für die Gegenwart eine doppelte Bedeutung, eine landesgeschichtliche und eine kunstgeschichtliche. – Beide Bedeutungen sind an sich klar und bedürfen keines Beweises. Von den Häuptern der Völker gingen die Bewegungen aus, welche bis in die fernsten deutschen Zeiten zurück die großen Körpermassen der Völker in der Geschichte uns lebendig, kräfteregend, zielerstrebend zeigen, ob im Schaffen oder im Streiten, ob es ein Kampf der Häupter gegen einander oder der Massen gegen ein Haupt war. Je ferner der Gegenwart, je weniger Licht fällt auf die großen Völkerkörper, bis in der fernsten Zeit die Häupter allein über den dunkelen Massen vom Strahl der Geschichte erhellt sind und wie leuchtende Wegsäulen die Stelle bezeichnen, wo wir die Völker im Weltgang des Schicksals zu suchen haben. Und selbst in näheren Tagen, als die Rathhäuser der Hansa Schlösserhöhe erreichten und die Dome der freien Reichsstädte alle Schloßkirchen und Burgkapellen überragten, war es wieder der Kampf mit den Häuptern der Nachbarvölker, der diese fort und fort zu jener Lichthöhe der Geschichte erhebt, in deren Widerstrahl wir die Regungen der Masse erkennen. Es ist aber natürlich, daß da, wo die Häupter wohnten, auch die Geschichtsgruppen aus dem Leben der Völker am engsten beisammen stehen, und darin liegt der eigenthümliche Werth, den solche Wohnungen aus alter Zeit in den Augen der Völker haben; darin liegt der Zauber, der das Herz eines Volks sogar an eine Ruine fesseln kann. – Für die Kunstgeschichte stehen solche Bauwerke als Dokumente da für die Bildungsstufe der Zeit oder der Geister, denen sie ihre Entstehung verdanken oder vorwerfen; es sind die unverfälschlichen und untrüglichen Ehrendiplome oder Armuthszeugnisse derselben.
Das Schloß von Schwerin bietet die besondere Eigenthümlichkeit, daß die Glanzzeit seines landesgeschichtlichen Interesses längst vorüber ist, ehe das kunstgeschichtliche beginnt. Jene sehen wir im Anfang und auf der Höhe des Mittelalters, diese springt vom Ende desselben mit wenigen Sägen sogleich zur Gegenwart herein.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/30&oldid=- (Version vom 6.12.2025)