Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/62
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
|
|
Greifensteins, die Saalestädte Saalfeld, Rudolstadt und Jena mit ihren reizenden Umgebungen; nach Westen hin lockt Ilmenau mit Elgersburg, da hebt das Gebirg seinen Rücken immer höher, läßt das erzdröhnende Suhl tief im Thal erblicken, zeigt den Oberhof auf der Schulter und setzt die hohe Sturmhaube des Inselsbergs auf, dessen steinerne Helmspitze jetzt einen weiten Blick über das Berg- und Hügelmeer in die ebenen Lande hinaus gewährt. Herabwärts geht’s durch das Felsen- und das Drusethal, da winkt schon wieder Reinhardsbrunn mit der frischen schönen Schminke auf der uralten Haut, und dort die berühmte frische und frohe Salzmannschaft in Schnepfenthal, und weiter Eisenach mit seinen Kunst- und Naturmerkzeichen der Sage und der Geschichte: Hörselberg und Wartburg, Venusreich und Sängerkrieg, Tannhäuser und Luther! Und wandeln wir von da schnurgerade nach Süden, so tritt uns in Wilhelmsthal der Geist Karl Augusts und seines Göthe entgegen, noch weiter ragen die Trümmer der Burg Altenstein über den Bergwaldsaum empor, und endlich empfangen und umfangen uns heitere Anlagen, zeigen sich bald leise, bald kräftige Nachhülfen kunstreicher Menschenhand bei den Bildungen und Gestaltungen der Natur, und wir sind, wohin unser Stahlstich uns ruft, im Bade Liebenstein und am Fuße der Anhöhe, welche die Burgreste gleichen Namens trägt.
An einer schönen Stätte auf heimischem Boden soll man den Leser nicht schriftlich herum-, nicht jede Einzelheit ihm beschreibend vorführen. Man soll ihm nicht mehr sagen, als nothwendig ist, um ihn von der Scholle weg, vom Kanapee empor, aus der Arbeitsstube heraus zu reißen, ihn in den Wagen oder in die Reiseschuhe zu bringen, ihm die Familie oder den Reisestock allein mitzugeben. Nun komm’ und sieh Dich selber um! – Aber beleben muß man ihm vorher die Gegend mit den Gestalten der Sage und der Geschichte: dann wird sie ihm leichter selbst heimisch, und manchen Baum, manchen Quell, manches alte oder neue Gemäuer oder Gebäude begrüßt er wie einen alten Bekannten, wenn in seinem Gedächtniß ein Bild der Sage oder der Geschichte mit dem Namen desselben verbunden ist. Folgen wir heute dieser weisen Lehre, die wir uns selbst gegeben haben.
Du bist so gefällig, lieber Leser, auf der Straße von Obergrumbach herzukommen. Von da wandelst Du in einer schattenkühlen Allee zwischen freundlichen Häusern und Parkanlagen zu den Hauptgebäuden des Badeorts Liebenstein. Drehe Dich auf einem Absatz herum, so fliegen liebliche Wiesenflächen, der bewaldete Berggipfel, herrliche Baum- und Felsenpartien und der Bergformenreichthum des Thüringerwalds als Hintergrund wie ein rasch abgerolltes Panorama an Deinen Augen vorüber, und Du weißt, daß, wie mir ein Fremdenführer sagte, Du eine Figur bist in einem reizenden Idyll, welches eines göttlichen Dichters Laune in ein erhabenes Epos verwebte. Jene Allee führt Dich vor das Fürstenpalais, das sich durch Glaskuppel, Säulen, Balkon und geschmackvolle Blumenumkleidung auszeichnet. Dem Palais gegenüber, im sogenannten Langen Bau, kannst Du ein Zimmer finden; ist’s da nicht mehr möglich, so kommst Du im Kurgasthause oder in einem der anmuthigen
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/62&oldid=- (Version vom 7.12.2025)