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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band | |
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Wie gewaltig hebt der Flügelschlag der Sehnsucht einer Mutter! Und nun schwebt Alles, der ganze Kranz der Engel, die strahlende Madonna und selbst das Lichtmeer rings um sie höher und höher, und ich fühle die Wonne des Aufschwebens und halte den Athem an und fliege mit höher und immer höher – –
„Doktor, jetzt hätten Sie da gelegen! Wer wird sich denn so zurückbiegen? Das sind die alten Stühle hier nicht gewohnt!“ –
Hier? Ja so! Ein junger Künstler war’s, der mich vom Fall errettete. Wir waren in der Sala delle publiche funzioni der Akademie zu Venedig, und ich saß vor Tizians Himmelfahrt, – nein, der Maria Himmelfahrt von Tizian, – und doch war es sicherlich eine Himmelfahrt Tizians! Bin ich denn nicht mit hinauf gefahren eine große Strecke? Und der alte bigotte venetianische Stuhl krachte, weil ich ganz mit hinauf wollte! Auch der Künstler war mir offenbar neidig, sonst hätte er mich fliegen lassen.
Das Grab, von wo aus diese Himmelfahrt geschah, ist noch heute zu sehen: unser Stahlstich zeigt ihr getreues Bild. Wenn Du aus Jerusalem durch das Stephansthor, das auch Löwenthor genannt wird, hinausschreitest, so gelangst Du in einen Thalgrund, der hier nur vierhundert Fuß breit ist und in welchem Du das Bette des Baches Kidron siehst. Nur in der Regenzeit fließt Wasser darin. An seinem linken Ufer findest Du das Grab der Maria. Das Aeußere ist schmucklos, das Innere eine große Felsenhöhle mit mehren Altären, erleuchtet von unzähligen Lampen. Mönche halten Wacht vor dem leeren Grabe, das zu den heiligsten Wallfahrtsstätten des Morgenlands gehört.
Vor etwa 2460 Jahren bedeckte das Land zu beiden Seiten des Euphratstroms, das unsere Stahlplatte uns mit Trümmern überschüttet zeigt, eine Stadt, wie das heutige London. Zwei Millionen Menschen lebten innerhalb der Ringmauer, durch welche 100 eherne Thore in’s Freie führten. Wir Alle erfreuen uns noch in der Erinnerung unseres ehemaligen Staunens über die Schilderung von der ungeheueren Größe und Pracht der Stadt, mit welcher uns der Lehrer im ersten Geschichtsunterricht überraschte. Denkt nur, Kinder – hieß es da, – 200
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 62. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_18._Band_1857.djvu/71&oldid=- (Version vom 7.12.2025)