Seite:Meyers Universum 18. Band 1857.djvu/84

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Manch’ Jahrhundert erfüllte der Kampf um des Geistes Befreiung
     Aus der verknöcherten Form, bis sie zersprengte der Geist. –
Sahst Du die Stätten, wo einst der gemordete Glaube geschmückt lag?
     Heilige Feier war da, daß man ihn täglich begrub!
Täglich begrub vor dem Volke, das, stumm, nur das Eine erkannte,
     Ob der Kreuze Du mehr, oder ob weniger schlugst!
Stätten gab’s, wo der Glaube nur galt als gefügiges Leitseil
     In der Gewaltigen Hand nach der Gewaltigen Ziel!
Auch die Stätten hast Du erkannt stolzirender Weisheit,
     Wo in der Theologie Banden die Religion
Barmte umsonst nach erquickendem Born! Ja, noch Andere sahst Du,
     Die nur dem Teufel zu Lieb’ wahrten den Glauben an Gott!
Heilige Leuchte der Welt, du warst in den Häuptern erloschen,
     Und in den Lampen allein brannte das ewige Licht.

Endlich erwachte der Morgen! Aufathmete Glauben und Leben!
     Und von der Liebe erhöht strahlet gereinigt das Kreuz!
Todt ist der Wahn und die Tücke gestorben, die bösen Geschwister
     Deckt die entsetzliche Nacht in der Vergangenheit Grab.
Bald wird kommen der Tag, wo erbarmende Liebe allein herrscht,
     Wo auf der Wahrheit Fels thronet der Glaube und spricht:
Wer in der Liebe lebet, der lebet in Gott und in ihm Gott! –
     Glückliche Zeiten, ihr naht von Millionen ersehnt!
Glückliche Zeiten, o segnet mein Volk, das sehnendste! – – Oder
     Ist der Versuchung Nacht, Gott, ist sie noch nicht vorbei?