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Der obere Mühel.




„Der weeren twee Königskinner,
De hatten eenarner so leev;
Bi ’nanner kunnen se nich kamen:
Dat Water weer vöels to deep!“

[1]

Das ist der Anfang eines uralten ostfriesischen Volkslieds. So lange ist es her, daß den deutschen Königskindern das Wasser viel zu tief war! – Das ist nun anders geworden, erst in unseren Tagen. Die Königskinder überlassen es nicht mehr den kühnen Männern des deutschen Volks allein, über Meer zu fahren, sondern stehen als Herren und Führer selbst an der Spitze ihrer gerüsteten Schiffe. Der Jahrhunderte alte und von dem klügsten Nachbar sorgfältig gepflegte Irrthum, daß Deutschland ausschließlich Landmacht sei, hat ein Ende. Ein Ende hat das Vorurtheil, daß ein Staat ohne überseeische Kolonien keiner Kriegsflotte bedürfe. Auch hier kommen die vom wahren Bedürfniß diktirten Gesetze der Industrie und des Handels zur Geltung, daß überall der Handelsflotte angemessen die Marine der Waffen sein müsse und daß dagegen eine Kriegsflotte ohne Handelsmarine selbst dem reichsten Lande eine zehrende Krankheit sei. Deutschland besitzt, an Schiffs- und Tonnenzahl, ohne Oesterreich, nach Großbritannien und Frankreich, die dritte, mit Oesterreich nach England die zweite Handelsflotte in Europa.

Die germanischen Völker streben zum Meere, sie bewahren von den ältesten Zeiten unserer Geschichte an bis heute den unzerstörbaren Trieb und Beruf zur Seeherrschaft. Wer sich von der Wahrheit dieser Thatsache nicht überzeugen lassen will durch die Geschichte der Angeln, Sachsen, Friesen, der Hansa und der Niederlande, für den liegt das unumstößlichste Dokument noch heute ausgebreitet in Europa’s Mitte: das deutsche Sprachgebiet. Auf der deutschen Sprachkarte hat die Nation die Grenzen ihres Bereichs gezogen, und wie steht das


  1. Da waren zwei Königskinder,
    Die hatten einander so lieb;
    Zu einander konnten sie nicht kommen:
    Das Wasser war viel zu tief!