Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/118

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

noch die Stimme von Freiheitspredigern erschallen konnte, so kam es doch zur Revolution. Das Volk ertrug alle Pein des Leibes und der Seele, so lange sie erträglich war. Als aber der Herr von Fardün dem Landmann Johann Chaldar, den er mit den Seinen am Mittagstische traf, aus dem Hohne des Uebermuths in die Schüssel spie, wer würde da nicht den Unmenschen gepackt, seinen Kopf in das besudelte Gefäß gestaucht und die Zornworte gerufen haben: „Nun friß, was du gewürzet hast!“ Chaldar that es, und das Zeichen zum Aufruhr war gegeben. Der Kampf war kurz, denn das starke, muthige Volk war einig. Die Feuer, die aus den erstürmten Burgen aufloderten, erschreckten die Uebelthäter und ermuthigten die Edlen zu guten Thaten. An der Letzteren Spitze stellte sich der fromme Bischof Hartmann von Chur. Er, der lange im Stillen über die Greuelthaten der Ritter getrauert, begrüßte den endlich erwachten freien Sinn des Volks mit Jubel. Aus freiem Antrieb führte er in seinem Gebiete die Republik ein und schloß ein Schutz- und Trutzbündniß mit seinen Bauern gegen den Adel. Die dankbaren Männer nannten dem Bischof zu Ehren diese freie Vereinigung den Gotteshausbund. Die Feuer loderten weiter, die Flamme leuchtete auch dem Oberland. Die Bauern stifteten dort heimlich einen zweiten Bund, und auch dort ward die Pflugschar zum Schwert. Da trat der Abt von Disentis versöhnend zwischen die Reihen, bewog die Grafen und die Barone, den ungleichen Kampf mit dem stärkeren Volke aufzugeben und, zur Wahrung der gegenseitigen Rechte, mit den Gemeinden einen Bund zu schließen. Dies geschah zu Truns unter einem Ahornbaum, der noch heute steht als ein Denkmal dieses Grauen Bundes, so genannt, weil er mit den Grafen (Graven, Grauen) geschlossen ward. Dieser Bund gab dem ganzen Lande den Namen Graubündten. Ein Theil der heutigen Gemeinden desselben stand damals unter den Toggenburgern. Nach dem Tode des letzten Grafen (1436) begann ein Erbkrieg, dem sich jene Gemeinden klug und einfach dadurch entzogen, daß sie sich für Freie erklärten und einen dritten Bund stifteten, den später so genannten Zehngerichtenbund. So hatten Muth und Einigkeit in der kurzen Frist von 1396 bis 1436 ein aller Menschenrechte beraubtes Volk zu einem freien erhoben, und so sind auf Kosten Weniger einmal Viele glücklich geworden. Gleichwohl war der Volkssieg, in Folge des Bundes mit den Grafen und Freiherren, nur ein halber; der Adel selbst sorgte dafür, daß er ein ganzer wurde. Im Jahre 1450 stifteten gegen die Bauernbündnisse die Ritter des Landes einen schwarzen Bund. Da begann der Vernichtungskampf, der mit der Zerstörung aller Burgen und Warten des hohen Rhätiens endete. Das Volk aber fühlte, daß ihm eine größere Einigung Noth thue, und so traten im Jahre 1471 zu Vazerol die drei selbstständigen Bünde der Bauern zusammen zu dem ewigen Bund von Graubündten.

Wir stehen damit allerdings noch lange nicht bei der Gegenwart; wie allenthalben, wo ein Volksleben auf seinem Entwickelungsgang mit Aristokratie und Hierarchie zu kämpfen hat, spann auch in Graubündten sich