Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/120
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
|
|
am lautesten die Steine, die ungeheueren Straßenbauten in den Alpen, Werke, mit welchen die kleine Republik sich stolz neben ihren mächtigen Nachbar stellen kann. Die Regierung hat jedoch ihren besten Halt in der gebildeten Jugend, im Reformverein, und nur durch diese wird der geistige Zusammenhang Graubündtens, dieses Bundesstaats, mit dem Staatenbunde der Eidgenossenschaft vermittelt. Aber vorwärts geht es an der Hand der Freiheit. Trotz des hartnäckigsten Widerstandes eines ultramontanen Klerus sind dem Schulwesen nachhaltige Verbesserungen zu Theil geworden und zwar zunächst durch Gründung eines aus Reformirten und Katholiken gebildeten gemeinschaftlichen Erziehungsraths, durch Errichtung einer für beide Konfessionen bestimmten Kantonsschule und endlich durch Hebung des früher vom Bauerndünkel oft auf’s Unwürdigste hinabgedrückten Schullehrerstandes. Hoffen wir, daß die Dampfkraft, die in kurzer Zeit auf ihren eisernen Straßen vom Bodensee bis nach Graubündtens Hauptstadt und weiter in’s Alpenreich dahin stürmen wird, auch dem geistigen Fortschritt des edlen Bündtnervolks einen neuen, unaufhaltsamen Zug verleihe!
Gegenwärtig schätzt man die Gesammtbevölkerung Graubündtens auf 90,000, von denen ungefähr 52,000 der reformirten, die übrigen der katholischen Kirche angehören; der Sprache und Nationalität nach gehören 42,000 zu den Romanen, 36,000 zu den Deutschen und 12,000 zu den Italienern. Graubündten ist demnach auch in dieser Beziehung das verjüngte Spiegelbild der dreisprachigen Eidgenossenschaft.
Zu Chur wanderte ich am Abend eines Herbstsonntags ein, die beste Zeit,um eine Stadt lieb zu gewinnen. Noch steht das Bild vor meinen Augen und belebt mir den hübschen Stahlstich, der es so treu und lieblich wiedergibt. Ich kam vom Südwesten her, dem Hintergrunde unseres Bildchens. Zur Linken sah ich Feldsberg, das Dorf, welchem der einsturzdrohende Calanda zu europäischer Berühmtheit verhalf. Je näher der Stadt, je breiter wird das Thal zwischen dem Calanda und dem Rhein,dem hier von Chur her die Plessur zustürzt, und den Churwalder Bergen. Reihen und Gruppen freundlicher, heiterer Menschen wandelten vor den Thoren, die Buben jagten sich im Feld und die Mädchen tanzten auf dem Rasen, Musik erscholl im Freien und Gesang von den Höhen. Da hat man es leicht, mit warmem Herzen anzukommen bei Herrn Arnold zum Steinbock in der Vorstadt, die man freundlich nennen kann. Sobald man jedoch Graben und Mauern der Innerstadt erblickt, erwartet man nichts modern Helles und Angenehmes in den Straßen, und man wird nicht überrascht, Alles hübsch krumm und düster, zusammengedrückt und unsauber zu finden. Es ist eben eine alte Stadt, die ihre jüngeren Glieder vor den Thoren ausstreckt. Früher nahmen die hier das Rheinthal beherrschende Stätte drei Castra ein: Marsoila, Spinoila und Ymburg. Um letzteres, an dessen Stelle jetzt das Rathhaus steht, gruppirten sich die Bürgerhäuser, aus welchen die Stadt entstand. Die Römer nannten sie Curia. Zur deutschen Kaiserzeit bis 1498 war sie freie Reichsstadt. Die Reformation wurde 1526 hier eingeführt und erregte den Zorn des Bischofs in so hohem
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/120&oldid=- (Version vom 27.12.2025)