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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Grade, daß er sich mit dem Abt von St. Lucien und mehren weltlichen Herren heimlich verband, um die reformirte Bevölkerung Churs zu vertilgen. Der arge Plan ward jedoch verrathen und der Abt zum Tode verurtheilt und enthauptet. Oesterreicher und Franzosen trugen oft, namentlich während des dreißigjährigen und des letzten französischen Kriegs, ihre Waffen durch das Thal und vor und in die Stadt. Seitdem hat der Friede seine Werkstatt hier aufgeschlagen und mit seinem Gedeihen die rüstigen Bewohner gesegnet, deren Zahl sich auf 6000 belaufen mag. Chur ist als Hauptort des Bündtner Kantons Sitz der Behörden und höheren Bildungsanstalten. Die Domkirche, mit der Residenz des Bischofs im höheren (östlichen) Theil der Stadt gelegen und mit eigenen Ringmauern und Thoren versehen, stammt aus dem achten Jahrhundert. In diesem Stadttheil, dem bischöflichen Hofe, liegen ferner mehre Domherrnkurien, ein Kapuzinerhospiz, das bischöfliche Seminar und das ehemalige Prämonstratenserkloster St. Lucien, das zur Kantonschule veredelt worden ist. In dem tieferliegenden Stadttheil ist das weltliche Regiment, die reformirte Kirche und der Gewerbfleiß vorherrschend. Dort sehen wir die drei protestantischen Kirchen, das Regierungsgebäude, das Rathhaus mit der Stadtbibliothek, die Stadtschule u. s. w. Zur Belebung der Stadt trägt besonders der blühende Transitohandel zwischen Italien und Deutschland bei, für den der Kanton ungeheuere Summen aufwendet, die durch die großen Alpenstraßen über den Splügen und Bernhardin in Anspruch genommen werden, und denen nun die Eisenbahn noch zur Seite tritt. Die Industrie beschränkt sich auf Baumwollenweberei und Zinkblech- und Messingfabrikation. Außer den kleinen bürgerlichen Gewerben beschäftigen Landbau und Viehzucht viele Hände. Einen eigenthümlichen Erwerbszweig lernte ich andern Tags auf meinem Wege nach Meyenfeld kennen: den Schmuggelhandel, der mit Salz von Graubündten nach Tyrol getrieben wird. Ein Vertrag verpflichtet nämlich die österreichische Regierung, dem Kanton Graubündten jährlich eine bestimmte und bedeutende Menge Salz zu einem Preise zu liefern, der bei weitem billiger ist, als in Oesterreich selbst. Deshalb kommen nun die armen Tyroler über die hohen Alpen herüber, um auf den furchtbarsten und halsbrechendsten Gemsjägerpfaden mit äußerster Lebensgefahr die österreichischen Salzsäcke in ihr Land zurückzutragen. Mit einem dieser armen Lastträger ging ich bis jenseits Zizers. Als er seine bittere Klage über das traurige Stück Brod, das auf diesem Wege verdient werde, ausgesprochen, schloß er mit ächt tyrolerischem vertrauensvollem Kopfnicken und dem Seufzer: „Ja, wenn das der Kaiser wüßt’!“
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/121&oldid=- (Version vom 27.12.2025)