Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/128

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Zinnen das Auge entzückt durch das Rundbild eines herrlichen Landes. Gregor von Tours erwähnt zuerst dieses Schloß, dessen Stelle zur Römerzeit ein Castrum eingenommen hatte. Als die ältesten Besitzer desselben erscheinen die Herzoge von Anjou, dann erhielt es eigene Herren, denen es im Jahre 1431, angeblich wegen Felonie, wieder entzogen wurde. Ludwig XI. ist es, dessen unersättliche Herrsch- und Rachgier zuerst die fürchterlichen unterirdischen Kerker der Burg, die weltberüchtigten Oublietten, deren Räume noch heute gezeigt werden, zu bevölkern begann. Von diesem Ludwig bis zur Hinrichtung des Sechzehnten seines Namens schmachteten in den Felsengräbern von Amboise nahe an 15,000 Opfer der Königsgewalt! Ludwig XI. verfolgte zuerst mit eiserner Konsequenz das Ziel der Krone: Unterdrückung der Reichsgroßen und Vernichtung der Macht des Lehnsadels. Dazu bedurfte er der Gefängnisse und der Scharfrichter. Die ersten Verfolgungen gegen die Hugenotten beging Franz I. (1515 bis 1547), sein Sohn Heinrich II. (1547 bis 1559) setzte sie fort, zum vollen Ausbruch kamen aber die blutigen Religionskämpfe in Frankreich erst unter den unreifen und unfähigen Söhnen und späteren Nachfolgern desselben. Die erste Veranlassung dazu gab 1560 die sogenannte Verschwörung von Amboise, durch welche der junge König dem Einfluß der Partei der Guisen entrissen und diese selbst durch die andere damals in Frankreich herrschende Partei der Bourbonen im Bunde mit den Hugenotten gestürzt werden sollte. Die Entdeckung des Plans kostete 1200 Protestanten das Leben. Franz II. starb schon 1561 und für den zehnjährigen Karl IX. ergriff dessen Mutter, die Italienerin Katharina von Medici, die Zügel der Regierung. Wer mißt das Blut, das durch dieses Weib in den 28 Jahren ihres unseligen Einflusses vergossen wurde! Sie beherrschte alle Parteien nur dadurch, daß sie deren gegenseitige Vernichtung leitete. Nur deshalb gestattete sie durch ein Edikt vom 17. Januar 1562 den Hugenotten freie Religionsübung außerhalb der Mauern der Städte. Gegen dieses Edikt erhoben die Guisen das Schwert und eröffneten damit den ersten Hugenottenkrieg, der jedoch eine günstige Wendung für die Hugenotten nahm. Den augenblicklich Stärkeren zu Gunsten erließ Katharina am 19. März 1563 das Edikt von Amboise, das eine neue Variation von Glaubensfreiheit brachte, indem es dem hohen Adel überall, mit Ausnahme von Paris, dessen Umgebung und einigen anderen Bezirken, freie Ausübung des reformirten Kultus gestattete. Auch dieses Wort ward gegeben mit der voraus beschlossenen Absicht, es zu brechen, und zwar noch ehe ein Jahr vergangen war. Dieser Wortbruch hat über Frankreich noch acht Hugenottenkriege und die Schmach der Bartholomäusnacht gebracht, hat Heinrich IV. durch Meuchlerdolch das Leben genommen und den Staat um Millionen seiner bravsten Bürger, um unermeßliches Vermögen und unersehbare Kunstfertigkeit und Gewerbthätigkeit beraubt, denn die Aufhebung des Edikts von Nantes war nur die zehnte Fortsetzung jenes ersten Wortbruchs von Amboise. Das schöne Schloß unseres Bildes nimmt damit von der Geschichte Abschied, nicht aber die Geschichte von ihm: sie wird