Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/136
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
|
|
es, und zwar fast 18 Jahrhunderte lang, gegen die Leibeigenschaft zu äußern: hier war abermals die Priesterschaft aller Kirchen an der Beschränkung der Freiheiten und Rechte der Grundmasse der Völker zu vortheilhaft betheiligt, um nicht als Damm und Schlagbaum mit zu dienen gegen die Bestrebungen nationalen Fortschritts. Ja, gerade die Religion war es, die man zum Deckmantel einer neuen Sklaverei und des schamlosesten Sklavenhandels machte. In Spanien und Portugal schmachteten noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts Tausende von Mauren, Nachkommen der besiegten alten Herrscher des Landes, im härtesten Sklavenjoch, und in Italien gab es nicht nur neben den Leibeigenen noch Sklaven in Menge, sondern gerade Rom war der Hauptsitz eines Sklavenhandels ohne Gleichen: dort verkauften die Spanier mohammedanische Sklaven und die Venetianer kauften Christensklaven aus der Barbareskengefangenschaft los, um sie mit großem Profit an die Mohammedaner wieder zu verhandeln! – Der Venetianer war Kaufmann, und das war ein Geschäft. – Gerüttelt wurde an der Leibeigenschaft von Deutschland aus schon in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Joseph II.); der Boden wurde ihr aber in Europa erst zertrümmert durch die aus dem Krater der französischen Revolution emporgestiegene „Erklärung der Menschenrechte“, denen in unseren Tagen ein neues zukunftsreiches Gebiet in Rußland aufgethan werden soll.
In den despotischen Staaten der übrigen alten Welt, namentlich in Asien, erstreckte sich die allgemeine Stagnation des Lebens auch auf die Sklavereiverhältnisse, und was in Afrika Neues hierin sich gestaltete, folgte einem europäischen Impuls. Hatte man dort zu den Negersklaven, die, so weit die Geschichte reicht, durch Krieg, Handel und Sklavenjagden aufgebracht und den mohammedanischen Ländern zugeführt wurden, seit der Vertreibung der Mauren aus Spanien auch Christensklaven an die brennenden Ketten der Rache gelegt, so entstand durch die Christen eine gefesselte Negervölkerwanderung von 50 Millionen binnen drei Jahrhunderten in die neue Welt, während in der alten der letzte Christensklave befreit wurde durch die französischen Kanonen vor Algier in dem freiheitslustigen Jahre von 1830.
Und nun stehen wir vor Amerika und der neuesten Negersklaverei. – Negersklaverei war, wie wir so eben sahen, für die alte Welt nichts Neues mehr. Wir sahen sie aber ausüben nur in Staaten, auf deren Kultur- und politische Rangstufe der Europäer tief hinabblickt. Kein christlicher Staat duldete sie. Das Neue in der Negersklaverei Amerika’s konnte daher nur darin gefunden werden, daß Angehörige und Abkömmlinge des christlichen und civilisirten Europa die Peitsche des Sklaventreibers in die Hand nahmen. So ist die mit Abscheu erfüllende Anschauung von heute. Auch dieser Vorwurf wird milder, wenn wir den gehässigen Gegenstand im Lichte der Geschichte betrachten. – Als die ersten Neger ihren heimischen Fürsten abgekauft und nach Amerika gebracht wurden – lange vor Las Casas –, war in Europa das Institut der Leibeigenschaft noch ein zu Recht
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 126. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/136&oldid=- (Version vom 27.12.2025)