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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Sie ist es, die das große der Welt als vollendete Einheit erscheinende Paris in drei Städte theilt von vollendeter Charakterverschiedenheit.
Die Herren vom pariser Rathhaus haben die Stadt sammt Inseln und Vorstädten nach und nach in zwölf Arrondissements geschieden; die Seine und das Volk blieben bei jener Dreitheilung. Das Volk benannte das Paris auf der Südseite des Stroms: l’Université und sprach von einem Quartier latin (dem lateinischen Stadtviertel) mit Ehrfurcht. Diese südliche Stadt umfaßt seit Jahrhunderten alle großen wissenschaftlichen Anstalten Frankreichs und die Pflegestätten der Künste, die stilleren Hallen des Verdienstes und Ruhms und die lautlosen des ewigen Friedens. Dort sehen wir die alte theologische Hochschule der Sorbonne, die Schulen des Rechts, der Medicin, der Pharmacie und der Chirurgie, die Sternwarte hebt dort zur Linken ihren Altan über die Dächerreihen empor, hinter uns breitet der botanische Garten seine duftenden Beete und Glashäuser aus, die Thürme von St. Sulpice zeigen uns die Stätte des Priester-Seminars an, die Kriegsschule, das Institut von Frankreich, alle Gymnasien schmücken diese Straßen, die Akademie der schönen Künste blickt dort in die Seine, in entgegengesetzter Richtung die Manufaktur der Gobelins zu den Höhen von Gentilly hinüber, und neben uns pflegt die Polytechnische Schule die höheren Blüthen der Gewerbe. Auch der Staat hat seinen Berathern hieher das Haus gebaut: im Palais Bourbon fanden die Deputirten ihre Kammer. Neben der Kriegsschule wölbt sich die Kuppel des Invalidendoms empor, dort freut sich das Alter seiner Ehre als Wacht am Feldherrnsarge in der Gruft. Wie für das hinfällige Alter sind hier die Schutz- und Pflegehallen für die körperlich und geistig Leidenden, die großen Hospitaler, die Charité, das Militärhospital Val de Grace und die Verpflegungsanstalt der Salpetrière. In diesem Kreise der Zurückgezogenheit der Wissenschaft und Kunst, der beschaulichen Erinnerung des bewegten Lebens und der genährten Hoffnung Hinsiechender hat auch die glänzende, aber seit langer Zeit mit der Gegenwart schmollende Aristokratie des legitimen Königthums ihre Heimstätte, wie das strenge Katholikenthum seine eifrigsten Diener und Dienerinnen in den Kirchen und Klöstern. Sie Alle aber beten und singen über einer Gruft, deren ewiger Tod auch die Stadt der Lebenden über sich mit einem Hauch seines Ernstes zu durchwehen scheint: die Katakomben beherbergen drunten ihre drei Millionen Gerippe, und über dem Riesengrabe und über die Wohnungen der Lebenden hinaus ragt das große Denkmal Frankreichs für seine großen Todten, das Pantheon, auf dem wir stehen, vom Abendrothe glühend in den Himmel. – Ueberschaue noch einmal dieses Dächerhalbrund im Süden der Seine und werfe einen vergleichenden Blick nach der Stadt des anderen Ufers hinüber, so bemerkst Du endlich, daß Du hier in der Stadt der Thurmkuppeln und Heiligenbilder bist, in der Stadt, wo die Erinnerungen die Hemmschuhe des Fortschritts sind, die selbst das räumliche Wachsthum derselben aufzuhalten scheinen, – während das Paris im Norden der Seine Dir keinen einzigen Kuppelthurm zeigt, Bildsäulen von Fürsten und
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/15&oldid=- (Version vom 24.12.2025)