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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Der Morgen ist herrlich. Die Strahlen der Sonne erwecken Leben selbst in dem öden Gestein, daß uns umgibt. Je höher wir emporklimmen, desto trotziger und zackiger ragen die Klippen übereinander auf. Nur in den Spalten und Kesseln der Felsabhänge haftet ein wenig Boden für spärliche Grasstreifen und Gestrüppflächen, und nur die aschgrünen Blätter der Salbei überziehen breitere Wände und locken in die wüste Landschaft freundliche Bilder des Hirtenlebens.
Ueberall grüßt uns das fromme Pomagha Bogh (Helf’ Gott!), dem wir landüblich mit Wasda budi (in Ewigkeit!) dienen. Wir kommen zu Menschenwohnungen und sehen nun ihren Bau im Lichte des Tages. Vier Steinwände, kaum sieben oder acht Fuß hoch, darüber ein vorspringendes Dach von Stroh oder Baumrinde, in der Frontmauer ein großes Loch für Menschen, Sonne, Luft und Rauch, in den Seitenmauern hie und da ein kleines für letztere drei allein, das ist das Ganze. Unweit von diesen Steinhütten führt der steile Pfad an einer Quelle vorüber, wo zwei Frauengestalten neben einem Maulthier rasten, beide in der bunten malerischen Tracht dieses Volks, und beide stellen Menschen dar so rein und schön und gesund, wie Gebilde frisch aus der Hand Gottes. Sie grüßen, wie der Morgen selbst, so freundlich und erhebend, meinen Führer aber empfangen sie als lieben Verwandten, unser Weg führt an ihrem Hause vorüber, wir gehen nun gemeinsam weiter.
Bald erreichen wir die erste Hochebene des nun in Riesenstaffeln des Kalksteingebirgs aufsteigenden Landes. Hier beginnt die mühselige Kultur des Steinreichs. Die Steinhütten, wie wir sie tiefer in den Thälern wie Mauerschwalbennester an den Felswänden sahen, sind hier von bebauetem Felde umgeben, aber blicke hin, wie viel Erde zwischen den Steinen der Aecker zu erforschen ist! Des Mannes Pflug ist noch der älteste in Europa, und hinter diesem und auf solchem Felde muß er bewaffnet arbeiten, wie in der Schlacht. Die lange Flinte hängt auf dem Rücken, im Gürtel Handschar und Pistolen, am Gürtel Pulver- und Kugelbeutel; so folgt er dem Pflug und bestellt eine Saat, deren Aerndte ihm so wenig sicher ist, wie sein Leben jeden Augenblick. Es ist ein hartes Leben! Und doch begegnen uns auch hier die schönen Bilder der stillglücklichen Familie. Dort sitzt vor seiner Steinhütte der bewaffnete Mann, mit dem Handschar Färbeholz entrindend, während sein Weib die geglätteten Stäbe in Bündel ordnet. Jubelnde Kinder springen umher und ein kleiner Junge hat seine erste Heldenlust am Laden und Losfeuern einer Pistole, die er mit beiden Händchen festhält, und doch stößt sie ihn so oft zurück und fliegt von selbst auf den Boden, so oft er zu stark geladen hat. Vater und Mutter finden dieses Spiel in der Ordnung, denn der Junge muß ein Mann werden.
„Dort zur Linken hin führt uns ein Umweg zu dem höchsten Punkte der Straße nach Cattaro, von wo die Fremden gewöhnlich zu uns kommen, nicht von Budua herauf, wie wir. Wollen wir hinunterschauen?“ So spricht der Führer, und wir Alle wenden uns der Richtung zu. Bald ist die Stelle erreicht. Das Auge jubelt
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 146. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/156&oldid=- (Version vom 28.12.2025)