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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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und Schmach der Revolutionen dieselbe Gewalt darthaten. Zwischen beiden trotzte die Bastille dem Recht und dem Volke. Jetzt birgt die Stätte ein großes Grab, und darüber errichteten sie ein Denkmal, den Leichenstein der Revolution, jene Juliussäule, auf welcher der Genius der Freiheit auf Einem Beine steht. Lauter geschichtlicher Hintergrund, und wieviel sehen wir nicht, und wieviel wollen wir nicht sehen! – Diese Nordstadt von Paris wird durch die Lebensverschiedenheit der Menschen von selbst getheilt in eine östliche und westliche Hälfte. Die westliche breitet sich aus zwischen den Tuilerien und den Straßen nach den Schlössern von Neuilly und St. Cloud hin, die östliche zwischen dem Stadthaus und den Gefängnissen von Vincennes und reicht bis hinauf zum Temple, wo die Geschichte von der lebendigen Verbrennung edler Ritter (1314) und den Thränen „hoher“ Gefangener erzählt. Dort entfaltet sich der Glanz der vornehmen Welt, hier ist vorzugsweise der Sitz des Volks, hauptsächlich der Bourgeoisie von Geld, Kredit und Einfluß; das Proletariat wohnt überall, denn es ist nirgends entbehrlich. Verbunden werden beide Theile durch die köstlichen Boulevards, welche jedes Parisers Stolz und Freude sind. Hier pulsirt das Blut eines Riesen. Hier rennt, rasselt, prunkt, treibt, lacht und lebt Alles; Gasthäuser, Theater, Bazare, Springbrunnen, Wagen, Rosse, um Alles schlingt das Menschendurcheinander sein endloses Netz; hier ärgert sich der Tag, daß es Nacht, und die Nacht, daß es Tag wird. Und oft hat das eine das andere zu beweinen. Im Centrum zwischen Ost und West herrscht auch hier der Mammon, dessen Thron in der Börse steht; und zwischen den Tuilerien und dem Rathaus bildet einen Mittelpunkt die Kirche St. Germain l’Auxerrois mit jener Glocke, welche das Zeichen zur Bartholomäusnacht gab.
Die Dämmerung sinkt tiefer. Eilen wir zu der Seine drittem Stadttheil: zur Cité, der Inselstadt in der Mitte des Stroms und beider Parise des Nordens und Südens. Hätte ein Weiser den Plan des heutiger Paris vorgezeichnet, sinniger konnte er Das, was Nationen und Familien stützt und weiht, nicht als herrschenden Mittelpunkt hinstellen: den Glauben und das Recht. Die ehrwürdige Notre-Dame und der alte Justiz-Palast sind die Hauptgebäude der Cité. Aber unentweiht ist in Paris nichts, was der Sündfluth des Zeitstroms erreichbar war: im Justizpalast hielt das Revolutionstribunal sein Blutgericht, und auf dem Hochaltar der Notre-Dame ließ die Göttin der Vernunft sich anbeten. Ist doch sogar das Straßenpflaster hier zum Geschichtemachen mißbraucht worden, bis Mac Adam es endlich entwaffnen half.
Die Nacht stieg vom Himmel, in die Straßen steigt aus der Dämmerung der Tag; 5000 Gaslampen werfen ihre Strahlen auf die wogenden Plätze und auf die lachenden Häuserreihen; sie funkeln an den Prachtkarossen und spielen auf den Wellen des Stroms, sie helfen dem Bettler sein Almosen mustern und dem Schurken seinen Raub; sie leuchten der Liebe und der Barmherzigkeit, dem Fleiße und der tobenden Lust, dem Jammer und dem Verbrechen; so ist’s wohl überall, aber es imponirt von alle diesem die Masse in solch einer Stadt.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/17&oldid=- (Version vom 24.12.2025)