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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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und Gewandtheit in Spekulationen aller Art. Es gibt sogar Leibeigene, welche an Vermögen ihre Herren überragen und dennoch die ihnen gebotene Gelegenheit zu ihrer Loskaufung nicht benutzen, sondern Jahr um Jahr ihren Obrok zahlen und als Leibeigene im Wohlstand fortleben.
Die Schule der Leibeigenschaft haben alle germanischen und slavischen Völker durchlaufen müssen. In unserem Mecklenburg war sie noch 1820 nicht völlig abgeschafft. In Rußland begann Kaiser Alexander die Aufhebung derselben im Jahre 1822 und führte sie wenigstens in Livland und Esthland durch. Am Widerstande der übrigen Reichstheile brach die Macht seines guten Willens. Kaiser Nikolaus war nicht befähigt, im edlen Geist seines Bruders fortzuwirken; er ließ ja überhaupt nur die rostigen Ketten putzen und neue schmieden. Desto schwerer wird nun die Durchführung des menschenfreundlichen Plans für den zweiten Alexander.
Das am schwersten zu beseitigende Hinderniß liegt in dem Finanzverhältniß des Staats zu den Rechten und Pflichten des Erbadels. Letzterer allein bezahlt für alle Leibeigenen die Steuern und stellt aus deren Reihen die Rekruten. Eine einseitige Aufhebung der Leibeigenschaft würde das Vermögen des Grundbesitzes um die Hälfte vermindern, das bisherige Hypothekenwesen über den Haufen stürzen und vom Grund aus neue Justiz- und Verwaltungsnormen nothwendig machen, wenn eine solche Aufhebung überhaupt möglich wäre, ohne das ganze Reich den Gefahren einer socialen Erschütterung und Zerrüttung auszusetzen. Der Staat kann, selbst auf die kürzeste Zeit, nicht die Hälfte seiner Einkünfte entbehren, der Erbadel kann, ohne Leibeigene, seinen vollen Antheil dazu nicht mehr beitragen, der Bauer, ohne einträgliches Eigenthum, ebenso wenig: so hängt auch hier das Geld als Riesenhemmschuh am besten und stärksten Willen. Aber aufgehoben muß die Leibeigenschaft endlich werden, und zwar auf demWege rechtlicher Ausgleichung, wenn Rußland sicher vorwärts gehen will, wenn es nicht durch seine Eisenbahnen, durch die Freigebung der öffentlichen Meinung, die Erleichterung des Verkehrs und die Begünstigung der allzeit mobilen und aggressiven Industrie vor dem stabilen und konservativen Ackerbau mit gewaltsamer Ueberstürzung zu demselben Ziele hingeschleudert werden soll.
Bis heute hat sich für den großen Schritt auf Seiten des Adels ernstlich noch kein Fuß geregt. Man steht noch bei der Frage, ob sich Adelsversammlungen bilden und über die Mittel zur Ausführung des kaiserlichen Plans berathen wollen. Das Wort des Kaisers ist aber so laut erschallt, daß es eine That hervorrufen muß. Sobald diese hervortritt, werden wir auch im Universum einen Raum finden zur Beleuchtung derselben.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 161. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/171&oldid=- (Version vom 28.12.2025)