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Sind wir begeistert von dem ungeheueren Bilde, das vom Pantheon aus diese Stadt uns zeigt, erfüllen die, so weit unser Auge reicht, ragenden Häuserreihen uns mit Bewunderung vor dem Großen, das die Ameisenhaufen von Menschen im Verlaufe von Jahrhunderten zusammentragen können, so erscheinen die Menschen selbst doch gar klein! Wie sie da unten wimmeln und zappeln! Wie es durcheinander krappelt, das kleine Volk, das sich die große Nation nennt! Und werfen oft so lange Schatten, diese kleinen Leute! Nein, auf Menschen, Bevölkerungen, Völker sollte man nicht von solcher Höhe hinabblicken. Es haben’s Millionen zu büßen, daß dies so oft geschehen ist. Steigen wir hinunter nach Paris, um Frankreich näher zu kommen.

Dieses Paris, sagen sie, sei – Frankreich. Die Redensart ist so alt, als der Cäsarismus auf dem französischen Thron, also ungefähr dreihundert Jahre. Denn so lange ist es her, daß die germanischen Elemente im französischen Staatsleben vernichtet worden sind, um die einheitliche Staatsmacht zu begründen. Die höchste Blüthe dieses Cäsarismus war jenes „L’état c’est Moi“! sie verwelkte mit dem „Tête – armée!“ in Napoleons letztem Seufzer. Die Ausgangspforte des Cäsarismus trägt die Ueberschrift: „L’Empire c’est la paix“. Von dem Augenblicke an, wo Frankreich seine bisherige größte Macht: die Verbindung der kriegerischen Ruhmbegierde mit der Nationalität und der Staatseinheit aufgeben muß, wo es, von dem Felde der Schlachten auf das der Industrie gedrängt, in friedsamem Fleiß und Arbeitsbeharrlichkeit wettkämpfen soll mit seinen Nachbarn, ist sein bisheriges Uebergewicht auf dem europäischen Festlande im Sinken begriffen, ist des Cäsarismus festester Halt, die Uebereinstimmung des Nationalgeistes mit seinen Handlungen, unsicher, ist Frankreich nachdenklich geworden und Paris nicht mehr Frankreich. Diese Erscheinung ist für die Entwickelungsgeschichte des europäischen Festlands von außerordentlicher Wichtigkeit; am wichtigsten aber ist sie für Deutschland. Ihre Betrachtung zwingt uns, von den dicken schweren Prozeßakten in Sachen Deutschlands contra Frankreich wenigstens das Inhaltsverzeichniß zu durchblättern.

Nach drei Seiten hat Frankreich von der Natur gezogene Grenzen: die Pyrenäen und die Meere; auf der vierten Seite fließt der Rhein, den Frankreich seine Grenze, Deutschland seinen Strom nennt. Es galt aber nicht dieser Grenze und diesem Strome der lange Kampf zwischen beiden Reichen, sondern für Frankreich galt es, als es zur erobernden Macht geworden war, nach dieser ihm einzig offenen Seite hin die Herrschaft über Europa zu erringen, die auch von der Mitte des 16. Jahrhunderts an vom deutschen auf das französische Reich überging. Das geschah für beide Nationen um einen hohen Preis. Frankreich war, nach G. Diezel[1], dessen gediegenen


  1. Politische Resultate der letzten zehn Jahre für Deutschland. Gotha, H. Scheube, 1857. Google