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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Unmündigen von den Höhen. Es gibt manches große, schöne Land der alten Welt, da haben es die stattlichen Schlösser verschuldet, daß in jeder Fahr und Noth vor ihnen das Volk mit erhobenen Händen hülflos und hülfeflehend steht, und ein Land gibt es, wo diese erhobenen Hände sich zu Fäusten ballten und das Schloß zertrümmerten und gegenseitig sich zerfleischten, bis ein Löwe Herr über die Tiger wurde. Gott bewahre dich, junges Land, vor solchen Schlössern und Solchen, die sie brechen.
Viel Herrliches ist schon gegründet worden von edlen Menschen, denen die Liebe die Hand zum Werke führte, und von allen Werken, die den Menschen ehren, hatten Kirchen und Klöster oft den würdigsten Ursprung und die höchste Bestimmung. Als noch Millionen in Nacht wandelten und nur Wenige ihnen das Licht vorhielten, war es eine gute That, eine neue Stätte für das Licht zu bauen. Sie waren eine Wohlthat für Glauben und Wissenschaft, so lange der Priester das blinde Volk mit treuer Hand zu seinem Himmel führte, und der fleißige Mönch die spärlichen Quellen der alten Weisheit bewahrte und mit mühsam malender Feder vervielfältigte. Als aber ein neuer Tag erwachte und das Licht des Herrn bis zu den Augen des Volkes vorzubringen drohte, da ersah sich der böse Feind eine offene Thür, die Selbstsucht fand einen freien Eingang auch in die heiligen Hallen. Von da an herrschte ein Priesterthum, welches vor Allem nach den irdischen Gütern des Volks verlangte und dem verarmenden und in Knechtschaft versinkenden Volke als Entschädigung alles Verlorenen nichts bot, als glanz- und prachtüberladene Kirchen und Hochaltäre, Reliquien und Wundergeschichten, Wachskerzen und Weihrauch, Prozessionen und Mönchsregeln, Marienbilder und Schutzpatrone! Aufgeboten wurden alle Verheißungen des Himmels und alle Drohungen der Hölle, um mit den ungemessensten Reichthümern eine Kirche auszustatten, welche sich um nichts weniger bekümmerte, als um die wahren, innersten und heiligsten Bedürfnisse eines rathlosen, verlassenen Volks. – Auch das ist um Vieles besser geworden. Ja, aber nicht überall. Sahst Du noch nirgends von Geistesblödheit niedergedrückte Gesichter, in alberner Nachahmung der Heiligenbilder scheinheilig gesenkte Köpfe, von Argwohn und Haß gegen Andersgläubige verzerrte Physiognomien und Haushalte und Wirthschaften, deren erster Anblick mehr auf Feiern als auf Arbeiten schließen ließ? Das sind Zeugen jener Zeit, jenes Priesterthums der Selbstsucht, das den Geist des Glaubens in Fesseln schlagen wollte. Den Geist zu fesseln, das gelang ihm nicht, aber den Glauben hat es zum Krüppel geschlagen. Es ist nicht lange her, da weckte mich an einem schönen Morgen ein leiernder vielstimmiger Chorgesang, der auf der Landstraße im Thale erscholl. Es waren sogenannte Wallleute, Wallfahrer, die das preußische Eichsfeld nach irgend einem „Gnadenorte“ Süddeutschlands ausgesandt hatte. Meist junge, arbeitskräftige Leute beiderlei Geschlechts, die Bursche mit Lebensmitteln in schmutzigen Bündeln, viele der Weibsbilder mit Kindern auf dem Rücken, alle in ekelhaften Lumpen und Fetzen, noch ekelerregender in den Gesichtern der Ausdruck ausgestandener Strapazen und niedriger Lüste,
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 173. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/183&oldid=- (Version vom 28.12.2025)