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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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nur nach Morgen, nach den Inseln des ägäischen Meeres und nach Kleinasien. Seit der Mitte des achten Jahrhunderts (v. Chr.) nahm die Auswanderung ein edleres Verhältniß zu den Daheimbleibenden an; es schieden Genossen der Gemeinden aus und die Beweggründe ihres Wanderns waren denen am ähnlichsten, welche seit 30 bis 40 Jahren aus Deutschland und Irland die Landeskinder in die Ferne treiben. In Griechenland war es aber die Trennung der Töchter von der Mutter: ein Band der Liebe knüpfte an die Heimath noch Die, welche sich in der Fremde einen freien Herd gründeten. Das heilige Feuer vom Altare der heimischen Götter trugen sie mit dem Geiste und Herzen des Griechenvolks an die fernsten Gestade, griechisch war die Stadt, die sie errichteten, wurde die Flur, die sie bebauten, aber befehlen ließen sie sich nichts vom Mutterland, sie ehrten es mit reiner freier Pietät. Erst in der dritten Periode der Kolonisationen trat die Absicht in den Vordergrund, durch dieselbe die eigene Macht zu vergrößern, dem eigenen Handel frische Nahrung zu erwerben. Die Auswanderung wurde nun von den einzelnen griechischen Städten, die einen Ueberfluß an Volkskraft besaßen, oder denen Uebervölkerung, Verarmung oder politische Unzufriedenheit mit Unordnung drohten, planmäßig organisirt, geleitet und unterstützt. Gemein hatte sie mit den früheren Wanderungen, daß auch sie ihr Ziel, eine neue Heimath, stets in den Ländern der Barbaren suchte. Auch solche Töchterstädte blieben der Mutter nicht immer unterthan und treu; doch begannen sie an ihrer Abhängigkeit in der Regel erst zu rütteln, wenn sie selbst wieder Töchterstädte gegründet und damit eigene Sorgen auf sich genommen hatten. So blieb das Verhältniß stets in edlen Grenzen, immer menschlich schön, wie das ganze Griechenthum in seinen glücklichen Tagen. Insbesondere ist, der modernen Auswanderung nach Amerika von 1494 bis 1858 gegenüber, hervorzuheben, daß, wenn auch den Griechen der rasche, kühne, selbst abenteuerfrohe Geist seines Volks von der Heimath trieb, dies nie zu zwecklosem Umherstreifen in der Ferne geschah: durchdrungen von dem Bewußtsein der politischen Zeugungskraft seines Volks, strebte er auf jeder neuen Erde nach neuen bestimmten Gestaltungen eines frischen politischen Lebens.
Das Verhältniß der griechischen Kolonisation zu den Auswanderungs- und Ansiedlungs-Zügen, die Europa allein nach Amerika sendet, ist allerdings beinahe so, wie das der Größe des mittelländischen Meers zu der des atlantischen Oceans: auf diesem segelten so viele Hunderttausende wie dort Tausende in eine neue Heimath. Dieselbe Lehre geben uns aber Beide, nämlich die: daß es nur der Alles belebende Athem der Freiheit ist, der Völker und Länder glücklich, gebildet und reich macht. Und weil die Kulturgeschichte sich der Erfahrung freut, daß zu allen Zeiten Freiheitssinn, Meerfahrt, Handel und Reichthum die Talente geweckt haben für jede Wissenschaft und Kunst, die den Menschen das Leben schmücken und veredeln, so verkünden wir mit vollem Recht einen hohen Grad der Gesittung dem Lande, das zu seiner Machtquelle der Gegenwart, der Kolonisation, die der Zukunft gefügt hat, die Annexation, die Riesenwaffe friedlicher Eroberung, den Magnet freiester Verfassung
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 192. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/202&oldid=- (Version vom 30.12.2025)