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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Erde jenseits der Alpen und nicht bloß genährt durch des Landes unermeßliche Schätze in jeder Kunstrichtung: beides ist geschehen schon in der jungen Brust durch das Studium der großen Geschichte der Vergangenheit, deren Namen uns mit unverwelklichem Ruhmeskranze fort und fort vor den Augen glänzen.
Diese Namen stehen in zwei Reihen vor uns. Die untere zeigt uns die vom Bürgerthum, vom Heldenthum, durch die Wissenschaft oder die Kunst des klassischen Roms verherrlichten, die obere diejenigen, welche das christliche Italien des Mittelalters als Träger seiner Ehren preist. Mit diesen beiden Reihen stand Rom zwei Male an der Spitze der Menschheit! Zwei Male war kein Punkt der gebildeten Erde unbeherrscht von dem Einflusse seines Geistes, und beide Male war es Rom, das die Brücke für den Wanderzug höherer Gesittung bildete, der vom Orient und von Griechenland mit römischer Färbung und Kräftigung zu den Nationen des Westens und des Nordens vordrang. Von beiden Glanzepochen strahlt die des Römerreichs ungeschwächt für alle Zeiten und für Aller Augen; selbst des todten Volkes Sprache beherrscht noch das Leben unserer Gelehrten-Schulen und der gesammten Wissenschaften. Dagegen hat die tiefe Verkommenheit, in welcher das Staats- und das Volksleben im größten Theile von Italien seit zwei Jahrhunderten darniederliegt, es verschuldet, daß die zweite Blüthenzeit Roms durch den italienischen Geist nur in einzelnen Richtungen wissenschaftlich gepflegt und öffentlich anerkannt wurde, aber das Gesammtbild des großartigen Einflusses Italiens auf das europäische Kulturstreben von der Mitte des 12. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts mehr und mehr verblaßte. Es dürfte wohl ein rechter Mann es möglichst bald für eine Pflicht halten, die Farben dieses Bildes zu erfrischen. Es drückt kein Undank schwerer, als der gegen die Verdienste einer Nation um die Fortschritte der Menschheit. Hier, in diesem Buche, ist für die Darlegung eines so breiten Gebiets kein Raum; nur einen raschen Blick darüber hin dürfen wir uns gestatten.
War es auch eine germanische Hand, die nach den Stürmen und Verheerungen der Völkerwanderung in Italien wieder die ersten Schulen gründete, so war der Boden auch unvergleichlich fruchtbarer, als in allen anderen Theilen des damaligen Frankenreichs; die Schulen Karls des Großen zu Bologna, Pavia etc. entwickelten sich zu den ersten Pflanzstätten der gesammten Wissenschaft ihrer Zeit. Schon um 1150 war Bologna die berühmteste Rechts-, Salerno die beste Arzneischule der Welt. Vom Ende des 12. Jahrhunderts an regt sich im romanischen wie im germanischen Europa der Drang nach Aneinanderschließung des Zusammengehörigen, des durch gleiche Ziele und Interessen Verwandten. Ritter, Gelehrte, Kaufleute, Gewerke, Künstler und Geistliche schließen Bünde, Genossenschaften, Gesammtheiten (Universitates), Gesellschaften, Zünfte, Kongregationen u. s.w. Italien griff rasch nach diesem neuen Förderungsmittel jeden Fortschritts in Gesittung, Bildung, Macht, Reichthum und Freiheit. Während in Deutschland die Minnesänger in den Burgen und Schlössern und die Klostergeistlichen
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 205. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/215&oldid=- (Version vom 30.12.2025)